Interview mit Medienwissenschaftlerin Wiebke Loosen – Teil I
Wütende Fußballfans (Foto: Fotagentur Kunz/Augenklick)

„Die Leute wollen Dampf ablassen“

Social Media sind in. Doch was bringen Facebook & Co.? Leider nicht nur Gutes, hat die Hamburger Medienwissenschaftlerin Dr. Wiebke Loosen festgestellt.

Seit April 2010 ist Privatdozentin Dr. Wiebke Loosen Wissenschaftliche Referentin im Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Journalismusforschung, Online-Kommunikation und Methoden der empirischen Kommunikationsforschung. Zudem ist Loosen Mitglied im Kuratorium der Akademie für Publizistik sowie Mitherausgeberin der Reihe „Aktuell – Studien zum Journalismus“. Eines ihrer Projekte trägt den Titel „Die (Wieder-)Entdeckung des Publikums“, für das sie Fallstudien in vier Redaktionen (ARD-Tagesschau, ARD Polittalk, Süddeutsche Zeitung und Der Freitag) durchgeführt hat.

sportjournalist: Frau Dr. Loosen, soziale Medien werden immer stärker genutzt. Anfänglich wurde das begrüßt. Inzwischen gibt es massiv Kritik, weil über diese Kanäle auch Hassbotschaften und Fake News verbreitet werden. Wie bewerten Sie die Entwicklung?

Dr. Wiebke Loosen (Foto: Hans-Bredow-Institut): Das Internet ist ja schon seit über 20 Jahren ein Thema. Die Verheißungen in punkto Publikumsbeteiligung waren am Anfang sehr, sehr groß. Der Kollege Siegfried J. Schmidt hat in diesem Zusammenhang den Begriff vom „Demokratisierungsversprechen“ geprägt.

sj: Wurde das Versprechen eingelöst? Facebook gilt vielen als Sammelplattform für rassistische Statements.

Loosen: Dieses Demokratisierungsversprechen gibt es mit jedem neuen Medium, es war auch beim Radio so. Immer heißt es, dass sich das Publikum noch besser beteiligen kann. Beim Internet liegt das sehr nahe, die Technik ermöglicht es. Wir sprechen seit vielen Jahren von der Entgrenzung zwischen Sender und Empfänger, im Prinzip kann jeder journalismusähnlich aktiv werden. Was das aber tatsächlich bedeutet, fangen wir erst jetzt richtig an zu begreifen, auch durch Facebook oder Twitter.

sj: Sie sprechen von „Publikumsbeteiligung“ und nicht von „Partizipation“. Warum?

Loosen: Weil dieser Begriff neutral ist und nicht normativ-positiv aufgeladen. Wir eruieren in den Befragungen, was die Menschen machen und aus welchen Gründen, also viel basaler. Wir wollen aus dieser Verheißungsformel rauskommen. Im öffentlichen Diskurs erleben wir es ja auch schon, dass es weg geht von der Verheißung hin zu den Gefahren, zum Beispiel Hate-Speech oder Cyber-Propaganda. Es sind ja eher negative oder dysfunktionale Effekte, die damit verbunden werden.

sj: Nun sind Aktivitäten in sozialen Medien das eine, das andere sind die Beiträge an Redaktionen. Was haben Sie diesbezüglich erfahren?

Loosen: De facto ist es so, das haben wir in allen Interviews gehört, dass in den Redaktionen sehr viel ankommt. Ein Stöhnen wegen der schieren Masse, aber auch in Hinblick auf die Qualität der Rückmeldungen. Mit den wenigsten lässt sich journalistisch etwas anfangen, das sagen uns jedenfalls die Journalisten und Journalistinnen selbst.

sj: Warum wendet sich das Publikum an die Redaktionen?

Loosen: Unisono gibt es in Redaktionen die Einschätzung, dass die Leute Dampf ablassen wollen. Sich leidenschaftlich über eine Sache auszutauschen ist per se nichts Schlechtes. Aktive Nutzer selbst betonen, dass sie sich öffentlich zu einem Thema einbringen wollen. Wie stark das dann beleidigend wird, ist allerdings eine andere Frage.

sj: Wie bewältigen Redaktionen diese Beiträge?

Loosen: Das Aufgabenfeld der Social-Media-Redakteure oder Community-Manager ist entstanden, um mit dem Feedback des Publikums umzugehen. Das ist eine neue Rolle in den Medienhäusern. Viele verstehen sich als Bindeglied zwischen Publikum und Redaktion.

sj: Bilden diese Medienkräfte auch einen Schutzwall gegen den Wust an Äußerungen?

Loosen: Ich sehe es nicht so, dass sie eine Mauer installieren, um die Redaktion abzuschirmen, auch wenn es schon eine Form von Gatekeeping ist. Diese Aufgabenverteilung in den Redaktionen ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass man das managen muss und es kaum anders zu bewältigen ist.

Mit Dr. Wiebke Loosen sprach Clemens Gerlach. Lesen Sie im zweiten Teil des dreiteiligen Interviews, warum „Lügenpresse“ ein reiner Kampfbegriff ist und nichts mit fundierter Kritik an den Medien zu tun hat.

Dieseser Artikel stammt aus der Ausgabe Dezember 2016 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

16.01.2017






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