Kolumne „Ansichtssache“
Nationalspieler Sami Khedira wird behandelt (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Medizynisches aus dem Knöchelverzeichnis

Die Sportler von heute haben es nicht leicht. Immer dieser Leistungsdruck und die vielen Sponsorentermine. Und noch etwas sorgt für Stress – medizinische Diagnosen, die so kompliziert sind wie sie klingen.

Von Wolfgang Uhrig

Und jetzt also „Kompressionssyndrom“. Eine schmerzhafte Sache, über die Felix Neureuther bei der vergangenen Ski-WM in St. Moritz klagte. Es ging hier aber nicht um Neureuthers Dienst-Audi, sondern um eine „Muskelverhärtung im Bereich der Lendenwirbelsäule“, wie die Süddeutsche Zeitung dazu erklärte. Bild meldete im typischen Neu-Sprech: „Neureuther hat Rücken“.

Voriges Jahr litt Neureuther an einer „Nekrose, die mich befallen hat“. Das sei „ein kleines Scheißding“, sagte er und schob nach: „Die Nekrose ist das Aussterben einzelner Zellen oder sogar Gliedern am lebenden Organismus. Das ist etwas, was häufiger bei älteren Frauen vorkommt – und genau so habe ich mich auch gefühlt.“

Es lebe der Sport – als ein Spielfeld für Spekulationen. So stand in der Zeitung, die schöne Tennisspielerin Maria Scharapowa habe ihr Comeback verschieben müssen – wegen einer „Bursitis calarea“. Das mag für manche klingen wie ein Gruß aus der italienischen Küche. Doch dahinter steckt „eine Schleimbeutelentzündung an der Schulter, ein Phänomen, das im Tennis häufig auftritt“, zitiert die Nachrichtenagentur SID einen Facharzt (Uhrig-Foto: Maria Mühlberger).

Den braucht es nicht zur Erklärung bei einem „Kreuzbandriss“, dem „Unterschenkelbruch“ oder der „ausgekugelten Schulter“. Da schmerzt schon das Zuhören, und jeder weiß, wo es weh tut. Für den Laien wohl auch nachvollziehbar ist die „Splitterung am Innenmeniskus“ oder ein „Muskelfaserriss“. Nichts erklären muss man, wenn sich jemand „herumschlagen muss mit einer langwierigen Angina“.

Klangvolle Namen wie ein italienischer Libero oder ein römischer Tenor

Nun ist es inzwischen so, dass an die Stelle von solch vertrauten Befunden heutzutage ständig neue Zipperleins treten, von denen man null Ahnung hat. Klagte früher etwa jemand über die „weiche Leiste“, ein reißendes Band, das „Syndesmose“ heißt oder die schmerzende „Patellasehne“?

Allein die Tatsache, dass man eine Sehne besitzt, die so einen klangvollen Namen hat wie ein italienischer Libero oder wenigstens ein römischer Tenor, wäre einst einem kernigen Fußballer wie Hans-Peter Briegel suspekt vorgekommen. Dieser Haudegen wäre beleidigt gewesen, hätte man ihm eine „weiche Leiste“ unterstellt (Briegel-Foto: Fotoagentur Kunz/Augenklick).

Und immer wieder ist von „Adduktoren“ die Rede. Da hat sich keiner verhört, von wegen bevorzugte A-Doktoren wie zum Beispiel der Münchner Guru Hans-Wilhelm Müller-Wohlfarth. Es handelt sich bei Adduktoren auch nicht um Chips für Computer oder Kupferspulen für Elektroden, sondern um irgendwelche Sehnen. Wenn man nicht aufpasst, dann reißen sie an oder ab, die Adduktoren, besonders oft bei Fußballern.

„Die Befehle, die mein Gehirn aussendete, verirrten sich in Nebenbahnen“

Der Leichtathlet Frank Busemann musste einst mal pausieren – wegen „nervaler Fehlansteuerung“. Der Olympiazweite damals zu Journalisten: „Die Befehle, die mein Gehirn aussendete, verirrten sich in Nebenbahnen, sie kamen in falschen Muskeln an und es zuckte nicht, wo es hätte zucken müssen.“ Busemann lächelte dabei, was er sagte, klang ja auch medizynisch.

Nachdem der Bayern-Spieler Javi Martinez operiert worden war, stand in Bild: „wegen freier Gelenkkörper" am rechten Knöchelgelenk. Womit wir wieder nah dran sind an der Syndesmose. Dazu der Hausarzt: „Das ist eine Bandstruktur zwischen Schien- und Wadenbein. In Knöchelhöhe befindet sich ein vorderes, ein hinteres und ein quer verlaufendes Band.“

Soweit das Neueste aus dem Knöchelverzeichnis.

Die Kolumne „Ansichtssache“ schreibt Wolfgang Uhrig für den Verein Münchner Sportjournalisten. Wir danken den VMS-Kollegen für die großzügige Überlassung des Textes.

26.06.2017






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