Gastbeitrag zum 90. VDS-Geburtstag
Präsentation beim FC Bayern München (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Eine gesunde Portion Misstrauen und Kritik

Der Sportjournalismus muss kritischer werden. Dazu gehört auch Distanz zu den Protagonisten des Millardengeschäfts. Ein Plädoyer für mehr Mut und Beharrlichkeit.

Von Sylvia Schenk

„Die guten Männer“ – so betitelte die Frankfurter Rundschau am 7. November ihren Artikel über den 35. Deutschen Sportpresseball in der Alten Oper Frankfurt. Diese Veranstaltung des Vereins Frankfurter Sportpresse und des Verbandes Deutscher Sportjournalisten ist wahrlich eine Erfolgsgeschichte.

Zugleich steht sie aber auch für die gute, alte und vorgeblich heile Welt des Sports. Da werden Legenden des Sports ausgezeichnet und Sportler/innen mit Herz gefeiert. Die Mischung aus Stars und zahlungskräftigen Fans, die ihnen nahe kommen wollen, funktioniert weiterhin bestens. Und wer wollte sich schon entziehen, wenn die Sportpresse einlädt und entsprechende Publicity garantiert ist?

Nichts gegen Bälle oder gegen das nur aus Männern bestehende Präsidium des VDS. Aber zum 90. Geburtstag stellt sich angesichts des Zustandes des (Spitzen-)Sports national und international die Frage nach der Antwort der Sportjournalist/inn/en und ihres Verbandes auf aktuelle Herausforderungen.

Schließlich ist der Sport einerseits Quotengarant beziehungsweise wichtig für die Auflage, andererseits stehen auch die Sportredaktionen unter Einspardruck, gibt es – nicht nur aber auch – angesichts wachsender Anforderungen durch den digitalen Wandel immer weniger Ressourcen für Recherche und Grundlagenarbeit. Ganz abgesehen davon, dass die drückenden Probleme des Sports heutzutage juristische, wirtschaftliche, chemische, medizinische, biologische, technische, mathematische und (außen)politische Fachkenntnisse erfordern, die kaum jemand in der notwendigen Bündelung aufweisen kann.

Zwar sind inzwischen mehr Sportjournalist/inn/en investigativ tätig, auch mit Expertenwissen, zum Beispiel im Bereich Menschenrechte oder Doping. Aber auf breiter Ebene wird oft schnell geurteilt, werden Phänomene im Sport nicht oder nicht ausreichend in Bezug gesetzt zu anderen gesellschaftlichen Feldern. So werden viele Negativschlagzeilen produziert, wo die Sportakteure eine kritische, aber doch auch konstruktive, auf vertiefter Analyse beruhende Begleitung brauchen.

Der VDS listet auf seiner Website für seine Mitglieder „etliche Vorteile“ auf: Presseausweise, das Magazin sportjournalist, VDS-App, kostenlose Rechtsberatung, Teilnahme an Wettbewerben, Geselligkeit und vor allem Vergabe von Akkreditierungen sowie Betreuung vor Ort. Alles wichtig im sportjournalistischen Alltag, aber berufliche Interessenvertretung sollte weitergehen. Da wünscht man sich offensive Positionen zur Rolle des Sportjournalismus heute sowie Stellungnahmen auch zu schwierigen Themen, bei denen es nicht um „das Gute“ im Sport geht. Oder zusätzliche Fortbildungsveranstaltungen zu den komplexen Fragestellungen, die sich dem Sport wie dem Sportjournalismus stellen.

Weniger Fan sein, dafür mehr hinterfragen, eine gesunde Portion Misstrauen und Kritik mit der Begeisterung für den Sport verbinden – ein solches Rollenverständnis täte dem Metier gut. Übrigens auch dem Lokalsport, der immer noch den größten Teil von Sportberichterstattung einnimmt. Allen voran aber den Sportorganisationen, die viel zu lange vom immer wieder reproduzierten, in den Medien herausgehobenen positiven Image gelebt haben.

Wie viel der Sportjournalismus bewegen kann, haben gerade die beiden vergangenen Jahre gezeigt. Denken wir nur an die Aufdeckung der finanziellen Ungereimtheiten rund um die WM 2006 in Deutschland oder an die Entlarvung des russischen Staatsdopings. Diese und einige andere Geschichten haben gesellschaftliche Diskussionen ausgelöst und wichtige Veränderungen im Sport eingeleitet.

Wenn der VDS seinen Mitgliedern hilft, professionelle Distanz zum Objekt der Berichterstattung, auch zu den größten Stars und „guten Männern“, zu halten und bei der Beurteilung mancher Defizite im Sport den eigenen Nachholbedarf zum Beispiel hinsichtlich Good Governance und Diversity nicht aus den Augen zu verlieren, kann er seiner Rolle in zehn Jahren zum 100-jährigen Bestehen noch besser gerecht werden.

Sylvia Schenk ist Leiterin AG Sport/Chair Working Group Sport bei Transparency International Germany.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Januar 2017 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

31.01.2017






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