Handball
Deutscher Handball-Nationalspieler Paul Drux (Foto: sampics Photographie/Augenklick)

Notausgang Sponsoren-TV

Die Spiele der Handball-WM waren in Deutschland nur live zu sehen, weil ein Sponsor einsprang. Die Gelehrten streiten darüber, ob es ein Präzedenzfall ist oder ein neuer Weg, vor allem für Sportarten, deren Bildschirmattraktivität als gering eingeschätzt wird.

Von Gregor Derichs

Die kontroverse Debatte des Monats Januar in den Sportmedien drehte sich um die Übertragungen von der Handball-WM. Die Deutsche Kreditbank (DKB) hatte die Übertragungsrechte erworben und transportierte das Turnier über seine Internetseite via YouTube-Livestream an die deutsche Öffentlichkeit.

„Wehret den Anfängen. Wenn nicht Journalisten das Geschehen filtern, sondern PR-Leute, dann hat das nichts mit objektiver Berichterstattung zu tun. Das ist ein Präzedenzfall“, erklärte VDS-Präsident Erich Laaser. „Gerade in der heutigen Zeit braucht man Journalisten zum Einordnen“, sagte Laaser.

Er äußerte zudem die Sorge, die Berichterstattung aus Frankreich könne „tendenziös“ sein, Printjournalisten erhielten damit die Rolle eines „Korrektivs“. Für die Kommentierung der deutschen Spiele wurden die Sport1-Kollegen Markus Götz und Uwe Semrau verpflichtet, die für ihren Sender auch von der Handball-Bundesliga berichten.

Dass erstmals eine große Sportveranstaltung live nur über eine Sponsoren-Website präsentiert wurde, ist zweifellos ein weiteres Zeichen, dass sich die Sport- und Medienszene wandelt. Dass es gleich ein Signal mit „historischer Bedeutung“ ist, wie die am Deal beteiligten Sportmarketing-Agenturen Lagardère (ehemals Sportfive) und Jung von Matt/sports behaupteten, scheint allerdings etwas hoch gegriffen.

Gleich beim ersten Spiel der DHB-Auswahl gegen Ungarn entwickelte sich der vermeintliche PR-Coup fast zu einem PR-GAU. Kurz nach Spielbeginn brach der Livestream für 15 Minuten zusammen. Statt Handball gab es den festgefrorenen Schriftzug: „Das Video ist nicht verfügbar.“ Angeblich mangelte es nicht an Serverkapazitäten, sondern es handelte sich um einen mit Absicht herbeigeführten Blackout.

Jedenfalls wies die DKB jede Schuld von sich: „Nach unseren bisherigen Informationen waren der Grund des temporären Ausfalls keine Serverprobleme oder der hohe Ansturm mit über 500.000 Fans, sondern eine Unterbrechung des Livestreams durch den Rechtevergeber.“

Der Handball-Weltverband IHF hatte die TV-Rechte an BeIn Sport verkauft, einem Unternehmen aus Katar, das zum Al-Jazeera-Konzern gehört. BeIn zeigte kein Interesse an Übertragungen in ARD oder ZDF, weil deren Übertragungen per Satellit auch in anderen Ländern zu empfangen sind. Das IHF attackierte allerdings die Öffentlich-Rechtlichen, weil diese kein Interesse an einer technischen Lösung des Problems gehabt hätten. Ein Chor unzufriedener Stimmen zeigte, wie umstritten der Vorgang war.

DHB-Funktionäre machten den IHF-Kollegen Vorwürfe. „Dieser Rechteinhaber ist wirklich ein Ärgernis“, sagte Präsident Andreas Michelmann (Foto: sampics Photographie/Augenklick). Die Politik bekam zu hören, nicht interveniert zu haben, weil Handball als deutsches Kulturgut im Free-TV gezeigt werden müsse. ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky warf eine andere Frage auf: „Interessant ist, dass hier ein Sponsor mit klaren Sponsoringinteressen offenbar als Rundfunkveranstalter mit einer Sendelizenz auftreten möchte.“ Die Medienanstalten ließen das Sponsoren-TV aber zu.

Laut FAZ zahlte die DKB, die betonte, nie gegen eine Free-TV-Übertragung konkurriert zu haben, eine Million Euro an BeIn. Die Bank wäre somit der „Retter des Handballs“, meinte DHB-Vizepräsident Bob Hanning, der zuvor eine „Totalkatastrophe“ heraufziehen gesehen hatte.

Konsequenzen auch für den Sportjournalismus?

Vor zwei Jahren verhinderte die IHF eine eingeschränkte Printberichterstattung, indem sie Journalisten die Reise und die Unterkunft bei der WM in Katar bezahlte. Dass nun selbst der Handball als populäre Sportart schon um angemessene TV-Berichterstattung bangen muss, ist bedenklich.

Für viele andere Sportarten, die im Fernseh-Business schon lange chancenlos sind, gibt es wohl keinen Notausgang zum Sponsoren-TV. Oder zeigte die Handball-WM diesen Verbänden eine neue Möglichkeit auf – mit Konsequenzen auch für den Sportjournalismus?

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Februar 2017 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

17.02.2017






« zurück
Magazin sportjournalist
Die aktuelle Ausgabe:
August/September 2017

Titelthema

Versickernde Informationsströme: Wie Clubs und Verbände Sportjournalisten überflüssig machen wollen
Von Christoph Ruf

Interview
Markus Aretz, dienstältester Pressesprecher der Fußball-Bundesliga,
über weichgespülte Kicker und vereinseigene Berichterstattung
Von Alex Raack

Medien
20 Jahre Kicker.de: Alexander Wagner, Leiter Digital, über die Anfänge und Wege in die digitale Zukunft
Von Clemens Gerlach
 
Regionalvereine