Social Media auf Abwegen
Schalke-Fans demonstrieren ihren Unmut mit dem damaligen 04-Coach Felix Magath (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Wahnsinnige Züge in sich

Social Media sind überaus nützlich. Sie sind aber leider auch anfällig für Missbrauch. Dabei geht es vor allem um Cyber-Mobbing und Fake News.

Von Gregor Derichs

Die das Netz beherrschenden Unternehmen versuchen weiter den Medien das Wasser im Internet abzugraben. Mit Kooperationen möchten die Social Networks sowie Google als mächtigste aller Netzfirmen die deutschen Verlage auch für sich gewinnen – natürlich für den eigenen Profit, aber auch um die inzwischen chronischen Spannungen abzubauen. Eine Meldung neueren Datums: Der Messaging-Dienst Snapchat geht eine Verbindung mit Bild, Spiegel Online (SPON), Sky und Vice ein.

Das Online-Magazin Vice bietet bei Snapchat um 6.00 Uhr Stories an, Sky präsentiert Sportnews um 17.00 Uhr, Bild publiziert um 18.00 und SPON um 19.00 Uhr. Nach 24 Stunden sind die Meldungen wieder weg. Das gehört zum Prinzip des besonders beim sehr jungen Publikum beliebten Dienstes.

Die Postings und News, die privat ausgetauscht werden, löschen sich schon zehn Sekunden nach dem Öffnen, was günstig ist, wenn beim Mobbing keine Spuren hinterlassen werden sollen. Populär ist der Dienst auch, weil man Personen in Fotos drollige Tierohren und -nasen verpassen kann. Neben dem kindischen Tool wie Eselsohren und Ochsenköpfen findet die Snapchat-Gemeinde nun journalistische Produkte. Bild & Co. hoffen mit der Kooperation wohl, eine total verlorene Altersschicht zurückzugewinnen. Werbeeinnahmen sollen mit Snapchat geteilt werden.

Facebook und Google kämpfen derweil gegen massive Irreführung. Für Facebook ist Fake-News-Gate geschäftsschädigend geworden, nachdem vor allem diese Plattform zum Transportkanal von falschen, bösartigen Texten geworden war. 3000 Leute sollen sich künftig bei Facebook damit beschäftigen, Falschmeldungen systematisch zu identifizieren und zu verbannen.

Entstanden war das Problem mit der maßlosen Eigenüberschätzung der Facebook-Macher, sie könnten ihren Dienst zu einem echten Medienkanal ausweiten. Mit der Öffnung, auch externen Content ins System zu integrieren und dabei die Medien für eine höhere Glaubwürdigkeit ins Boot zu holen, wurden auch viele radikale Meinungen, die vorher im Netz im Schatten schlummerten, für ein Riesenpublikum sichtbar. Diese hielten offenbar viele User für bare Münze.

Selbstbeschränkung, damit nicht noch mehr außer Kontrolle gerät

Nun gegen Fake News anzugehen, passt bei Facebook auch zur Werbung, dass nun jeder genau prüfen soll, wen er als „Freund“ zulässt. Die Plattform, zu deren Hauptziele es gehört, sehr viel Traffic für hohe Werbeeinnahmen zu erzeugen und deswegen viele Communitys und Einzelpersonen miteinander vernetzen will, beschränkt sich plötzlich selbst, damit nicht noch mehr außer Kontrolle gerät.

Google, das seinen Facebook-Konkurrenten Google+ nie ans Laufen bekommen hat, verdankt seine immense Netzmacht den ständig weiter verzweigten, an die Suchfunktionen gekoppelten Tools und seiner Präsenz auf den meisten Handys weltweit durch das Google-Betriebssystem Android. Google will sich nun mit dem Project Owl (Projekt Eule) verdient machen.

Der interne Faktencheck soll ausgeweitet werden, damit minderwertige Inhalte bei der Stichwortsuche in den Trefferlisten nicht oben erscheinen. Dass 10.000 Personen weltweit daran arbeiten sollen, wirkt fast wie eine Fake News, aber Google meint es ernst. Denn auch die Autovervollständigung soll optimiert werden.

Man kennt es ja, dass bei einem Suchbegriff wie dem Namen eines Fußball-Nationalspielers oder dem des Bundestrainers als weiterführender Vorschlag sofort „schwul“ erscheint. Bei Angela Merkel poppt „tot“, „irrsinnig“, „Polin“, „schwanger“ und „verheiratet“ auf – weil angeblich genau mit diesen Verbindungen oft nach Merkel gegoogelt wurde (Merkel-Foto: firo sportphoto/Augenklick).

Das Internet ist ein phantastisches Kommunikationsmittel, es bietet die große Freiheit zum Publizieren für Jedermann, aber es trägt (auch gerade deswegen) offensichtlich auch wahnsinnige Züge in sich.

Dieseser Artikel stammt aus der Ausgabe Juni/Juli 2017 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

23.06.2017






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