Versickernde Informationsströme – Teil II
BVB-Funktionäre Reinhard Rauball (l.) und Hans-Joachim Watzke (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Journalisten als Bittsteller

Für Journalisten wird es immer schwerer, an Informationen zu kommen. Viele Vereine mauern, denn sie wollen die Berichterstattung steuern und am liebsten gleich selbst übernehmen.

Von Christoph Ruf

Im ersten Teil des zweiteiligen Reports ging es um den fortschreitenden Ausschluss ktitischer Berichterstatter durch die Vereine

Auch für die Journalisten, die über den Karlsruher SC berichten, war es eine Umstellung, als der damalige Zweitligist im Frühjahr begann, Pressekonferenzen live via Facebook zu übertragen. Man hole damit nur nach, was die meisten anderen Vereine längst praktizierten, sagte Pressesprecher Jörg Bock. Und hatte Recht. Doch für René Dankert, Ressortleiter bei den Badischen Neuesten Nachrichten hatte diese Neuerung einen entscheidenden Haken: „Fragen an den Trainer waren nur bei der PK und nur offen möglich, so dass wir Zeitungsleute überhaupt keinen exklusiven Mehrwert für unsere Leser erzielen konnten, weil die Kollegen von TV, Rundfunk und Online mit den Antworten auf unsere Fragen schon lange arbeiten konnten.“

Zumal zeitgleich Mirko Slomka als Trainer installiert wurde, der eine neue Medienarbeit praktizieren ließ. Bis dato war es üblich, dass nach der offiziellen PK im kleinen Kreis weitere Fragen gestellt werden konnten. Doch Slomka verweigerte das und verbat sich auch, angerufen zu werden. Es gab keine Möglichkeit mehr, an Einschätzungen oder Zitate zu kommen, die über Versatzstücke à la „Werden alles in die Waagschale werfen“ hinausgingen. Die Karlsruher Journalisten wehrten sich. Während Slomkas dreimonatiger Amtszeit stellte kein dauerakkreditierter Journalist auch nur eine einzige Frage. Manche PK war nach drei Minuten zu Ende, die Berichterstattung dürr (Slomka-Foto: GES-Sportfoto/Augenklick).

Machtproben gehen auch anno 2017 nur dann immer für die eine Seite aus, wenn die andere von vorneherein aufgibt. Allerdings habe sich das Verhältnis zwischen Journalisten und Vereinen stark geändert, findet BNN-Ressortleiter Dankert: „Unsere Interessen werden zunehmend negiert. Und das vielleicht auch, weil man glaubt, dass man die Kollegen, die man früher gebraucht hat, heute nicht mehr braucht.“

Kritische Journalisten bekommen in Krisensituationen schwerer Gesprächstermine

Verbreitet scheint auch eine Praxis zu sein, dass man – zumindest bei brisanten Themen – nur noch die Kollegen mit wichtigen Informationen versorgt, die man für dem jeweiligen Klub „gewogen“ hält. Im Streit zwischen BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Trainer Thomas Tuchel sprachen beide Seiten fleißig mit Journalisten. Allerdings nur mit denen, von denen sie annahmen, dass sie ihre eigene Sichtweise kolportieren würden.

Journalisten, die nicht dem eigenen Lager zuzurechnen sind, bekommen in solchen Krisensituationen immer schwerer Gesprächstermine, wie Michael Horeni monierte. „Mit Watzke über seine Führung und sein Verhältnis zu Tuchel zu sprechen war der FAZ nicht möglich. Die offizielle Anfrage wurde mit der Begründung abgelehnt, alle Gesprächstermine seien vergeben. Eine nochmalige Anfrage vor wenigen Wochen wurde ebenfalls abschlägig beschieden: alle Medienzeitfenster geschlossen.“ Zumindest für Horeni.

Hippes Business-Denglisch statt realsozialistischer Funktionärsprosa

Es gibt weitere Gründe für den von vielen Printkollegen empfundenen Bedeutungsverlust. Zum einen die Online-first- beziehungsweise Online-only-Mentalität der unter 40-Jährigen, einer Zielgruppe, die die Bundesligavereine besonders interessiert. Zum anderen der Zeitgeist. Der Mitarbeiter eines Dax-Konzerns berichtet, dass in seinem Betrieb „nur noch Jubelmeldungen“ abgesetzt würden. Wo früher leitende Mitarbeiter mit internem Zahlenmaterial versorgt wurden, erinnere die Firmenkommunikation heute an die früheren Jubelmeldungen der SED, die die angebliche Über-Erfüllung von Fünfjahresplänen verkündeten. Nur, dass statt realsozialistischer Funktionärsprosa heute hippes Business-Denglisch serviert wird.

Wenn man dem Beitrag, den das NDR-Medienmagazin „Zapp“ am 7. Juni zum Thema Sportjournalismus sendete, einen Vorwurf machen kann, dann ist es deshalb der, dass bei aller berechtigter Kritik der Eindruck erweckt wird, Sportjournalisten seien eine andere Spezies Journalisten als die aus anderen Ressorts. Irgendwie eben Fans mit Laptop. Im Brustton der Überzeugung wird da behauptet, es sei undenkbar, dass ein Politikredakteur die Veranstaltungen einer Partei moderiere. Wirklich?

Bodo Hombach wechselte jedenfalls relativ problemlos vom Wahlkampfberater Gerhard Schröders zum Chefposten bei der WAZ-Gruppe. Und „Zapp“ selbst enthüllte 2009, dass bei der ARD mit Anja Kohl eine Journalistin die Börsennews präsentiert, die auffallend häufig Nebentätigkeiten für Industrie und Banken ausübt. Auch, dass Journalisten in Dauerschleife Spekulationen und Nichtigkeiten vermelden, weil sie von den berichtenswerten Informationsströmen abgeschnitten sind, ist kein Sport-Spezifikum, wie man seit den Sondersendungen zu diversen Terroranschlägen weiß.

Im Fußball gelten ganz andere Gesetze als in anderen Sportarten

Allerdings scheint der versickernde Informationsfluss im Sportjournalismus ein fußballspezifisches Problem zu sein, wie Sebastian Stiekel aus dem Frankfurter dpa-Büro berichtet. „In allen anderen Sportarten habe ich es so erlebt, dass sich die Funktionäre gezielt und gerne an die Agenturen wenden, weil sie sich dadurch eine größtmögliche Verbreitung ihrer Themen erhoffen.“ Im Fußball sei das komplett anders. „Da ist die Reichweite so groß, dass wir bei den meisten Vereinen mit Sicherheit nicht bevorzugt behandelt werden.“ Nähe, wie sie ein Lokaljournalist habe, der sich mehrfach die Woche die Trainingseinheiten anschaue, sei nach wie vor eine Währung, sagt RNN-Mann Stiekel.

Dass im Fußball ganz andere Gesetze gelten als in anderen Sportarten, bestätigt Freiburgs Mediendirektor Philipp Walter, der vor Dienstbeginn beim SC 14 Jahre lang die Medienarbeit der Kölner Haie verantwortete. „Sportarten wie Eishockey haben in den letzten Jahren kreative Wege gefunden, um medial besser abgebildet zu werden, doch gerade von den vermeintlich etablierten Medien hätten wir uns oft gewünscht, dass mehr berichtet wird“, sagt er, „zum Teil rutscht man da schon in eine Bittsteller-Position, um ein paar Sekunden Sendezeit zu erfragen.“

Im Fußball ist es zunehmend umgekehrt: In der Bittsteller-Position sind die Journalisten.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe August/September 2017 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

08.08.2017






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