Olympia im US-TV
Winterspiele-Ort Pyeongchang (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Gold mit 30 Minuten Verzögerung

TV-Olympia in den USA ist wirklich etwas Besonderes. Endlich echte Abwechslung von Basketball oder American Football. Aber die Präsentation der Wettkämpfe lässt einen europäischen TV-Zuschauer schaudern. Ist das wirklich die Zukunft des Sportfernsehens?

Von Thomas Horky

Als Gastprofessor der Indiana University in Bloomington/Indiana erlebe ich zum ersten Mal Olympische Spiele im US-Fernsehen live. Am zweiten Wettkampftag in Pyeongchang gewinnt ein 17 Jahre alter US-Amerikaner gleich die erste Medaille für die so sportbegeisterte Nation. Im Fernsehen gab es das Gold von Snowboarder Redmond „Red“ Gerard allerdings mit gut 30 Minuten Verzögerung zu sehen. Grund waren zur Primetime am Samstagabend gegen 22.00 Uhr beim übertragenden Sender NBC mehrere Werbeblöcke zwischen den einzelnen Läufen des Wettbewerbs sowie ein paar Bilder vom Eiskunstlaufen (auch nicht live).

Schon vor dem Jubel des Kids aus Colorado verbreite sich im Kurznachrichtendienst Twitter unter den amerikanischen Kollegen der Hashtag #NBCfail, ein seit mehreren Jahren bekanntes Kürzel, um die zeitverzögerten TV-Übertragungen bei Olympischen Spielen zu kritisieren. Die Aufregung blieb von NBC unkommentiert. Nach Emotionen und kurzen, vorproduzierten Porträts des Gewinners gab es wieder – Eiskunstlaufen. Von anderen Sportarten erfährt der Zuschauer nur wenig.

NBC zahlte 2011 umgerechnet etwa drei Milliarden Euro für die olympischen TV-Rechte von 2014 bis 2020 und 2014 6,22 Milliarden Euro für die Rechte von 2021 bis 2032. Der Sender ist damit der größte Sponsor des IOC. Das Geld will refinanziert werden. Dies geschieht vor allem durch eine Ausdehnung der Live-Übertragungen mit Werbeeinblendungen und damit eingeplante Zeitverzögerungen (Foto Thomas Horky: Macromedia).

Im vergangenen Jahr waren beim Superbowl von 3:46 Stunden Sendezeit knapp 30 Prozent mit Werbung gefüllt, die Spielzeit betrug ganze 18:43 Minuten (8 Prozent). Dieses Jahr dürften bei NBC die Verhältnisse kaum anders gewesen sein. Auch bei Olympia ist nur selten die Einblendung „live“ rechts oben im Bildschirm zu sehen. Was wirklich gerade in Südkorea passiert, erfahren die meisten US-Amerikaner über Soziale Netzwerke, vor allem Twitter. Schon in London, Sotschi und Rio gab es deswegen harsche Kritik.

Auch wenn die ARD alljährlich für die Eintönigkeit des Programms mit Fokus auf Fußball und Wintersport kritisiert wird, ein Blick auf den US-amerikanischen Bildschirm belegt im olympischen Vergleich eine deutlich größere Vielfalt, Abwechselung und wohl auch Qualität.

Live ist in den USA zumeist nicht der Fall

Wie Untersuchungen belegen, dauert zwar auch in Deutschland die Übertragung eines großen Fußball-Länderspiels meist dreimal solange wie das Spiel selbst, aber live bleibt bisher live. In den USA ist das oft nicht der Fall: Der Zuschauer ist beim Sport auf diverse Livestreams im Internet oder zahlreiche Pay-Channels und die Übertragungen der Verbände angewiesen.

NBC behauptet, die Seher des Livestreams bei Olympia würden sich das Sportereignis anschließend auch gern zur Primetime im TV ansehen. Ein weiterer Grund scheint jedoch zu sein, dass beim Eiskunstlaufen der Anteil weiblicher Zuschauer deutlich höher ist – und die Werbezielgruppe des Senders vorrangig weiblich ist.

Die Einschaltquoten für Livesport in den USA sinken seit einigen Jahren

Am ersten Wettkampftag in Südkorea schauten bei NBC 85 Prozent Männer und 15 Prozent Frauen zu, am zweiten Wettkampftag beim Eiskunstlaufen waren es 78 Prozent Frauen und 22 Prozent Männer. Aber: Die Einschaltquoten für Livesport in den USA sinken seit einigen Jahren. Ob Superbowl oder jetzt Olympia, immer weniger Amerikaner schauen überhaupt im Fernsehen zu.

Die Netflixisierung des Sportfernsehens mit einer Distribution von immer kleineren Sport-Sendehäppchen in immer mehr Sender und unterschiedliche Sendezeiten scheint eine große TV-Gemeinde immer unmöglicher werden zu lassen. Im Sportfernsehen läuft jetzt übrigens ein wirklich gut und aufwändig produzierter Wettkampf im „Cornhole“ – dem Zielwerfen von mit Mais gefüllten Leinensäckchen. Frauen-Wettbewerb. Spannend.

VDS-Partner und Macromedia-Professor Thomas Horky nimmt 2018 einen mehrmonatigen Lehrauftrag in den USA wahr. Es ist in Bloomington/Indiana. Die dortige Medienfakultät genießt internationale Anerkennung.

12.02.2018






« zurück
Magazin sportjournalist
Die aktuelle Ausgabe:
Februar/März 2018

Titelthema

Gestohlene Werte: Die Verantwortung des Sportjournalismus in Zeiten der Instrumentalisierung
Von Katrin Freiburghaus

Interview
mit Madsack-Sportchef und sportbuzzer-Geschäftsführer Marco Fenske
Von Gregor Derichs

Lokaltermin
Zu Besuch bei der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung
Von Christian Otto
 
Regionalvereine