Der Wert von Werten – Teil III
IOC-Führung bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

„Erinnern, dass das nicht nur eine Schaufenster­-Veranstaltung ist“

Der Sport entfernt sich bei Großereignissen von seinen Prinzipien. Welche Auswirkungen hat das auf Athlet*innen und sportjournalistische Berichterstattung? Der Versuch einer Annäherung.

Von Katrin Freiburghaus

Im ersten Teil des dreiteiligen Reports über die verlorenen Werte im Sport ging es unter anderem um die große Verantwortung des Sportjournalismus in Zeiten der Instrumentalisierung. Der zweite Teil widmete sich der Frage, warum viele Sportler*innen zumeist erst nach dem Ende ihrer aktiven Laufbahn öffentlich kritische Äußerungen tätigen.

Wie diffus die Situation der Aktiven ist, geht aus einer Stellungnahme von Veronika Rücker, der Vorstandsvorsitzenden des DOSB, hervor. Auch sie unterstreicht darin, dass es „den Sportlerinnen und Sportlern bei den Olympischen Spielen um ihren Sport und darum geht, die optimale Leistung zu bringen“. Sie fügt jedoch hinzu: „Als Mitglieder des Olympia Team Deutschland sind sie überdies Botschafter, die aktiv unsere Werte in die Öffentlichkeit tragen. Aber sie sind vor allem mündige Athletinnen und Athleten, und wenn sie ein Anliegen haben, können sie sich natürlich jederzeit dazu äußern. Grenzen sind dabei nur durch die Olympische Charta gesetzt, die Demonstrationen oder politische, religiöse oder rassistische Propaganda untersagt.“

Das sind sehr viele Rollen auf einmal und ist womöglich eine Erklärung dafür, weshalb mancher junge Olympiateilnehmer zu bestimmten Themen lieber schweigt. Im Fußball liegt der Fall ein wenig anders, denn wer Nationalspieler ist, benötigt den Verband nicht mehr, um Geld zu verdienen.

Der Deutsche Fußball­-Bund ermuntere ebenso wenig zu politischen Äußerungen wie er bremse, sagt Präsident Reinhard Grindel (Foto: sampics Photographie/Augenklick). Und weiter: „Unsere Spieler sind ja nicht unerfahren darin, auch im Ligaalltag zum einen oder anderen politischen Sachverhalt befragt zu werden. Sie gehen damit hervorragend und sachkundig um, wenn ich etwa an die Reaktionen unserer Spieler auf die unsäglichen Äußerungen des AfD­-Vorsitzenden Gauland über Jérôme Boateng denke.“

Der Verband als Konstrukt müsse indes „seine Rolle wahren“, betont Grindel, „er würde sich verheben, hätte er den Anspruch gesellschaftliche oder politische Probleme zu lösen, an denen die Politik bisher gescheitert ist“. Beim Confed-Cup im Sommer vergangenen Jahres habe der DFB „zu verdeutlichen versucht, dass es auch im Interesse unserer russischen Freunde ist, wenn die Fans wissen, dass sie sich frei im Land bewegen und ihre Meinung offen sagen können.“ Und Grindel weiter: „Dass es zudem sinnvoll wäre, für ein völlig unabhängiges Dopingkontrollsystem zu sorgen.“

Den Schluss, Großveranstaltungen trügen auf diese Weise nachhaltig zu Verbesserungen in den Gastgeberländern bei, findet Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, im Rückblick auf die Winterspiele in Sotschi jedoch nur bedingt zutreffend. „Im Vorfeld wurde durchaus über menschenrechtlich problematische Situationen gesprochen, in Russland fühlten sich dadurch auch Menschen ermutigt“, sagt er, „aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass es zu einer nachhaltigen Verbesserung der Pressefreiheit geführt hätte.“ Das Momentum vor den Spielen sei von den deutschen Medien genutzt worden, „aber eine substantielle Verbesserung wurde damit nicht erreicht“.

Mihr hält die Vergabefrage deshalb für zentral und Verbände für die richtigen Ansprechpartner. Der Dialog mit Funktionären sei wichtig, beim DFB etwa habe er den Eindruck gewonnen, „dass er auch aus einer pragmatischen PR­Sicht ein Interesse daran hat, dass eine Einordnung zumindest vorkommt“. Die Aufgabe von Reporter ohne Grenzen sei es, „fortwährend daran zu erinnern, dass das nicht nur eine Schaufenster­-Veranstaltung ist“.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Februar/März 2018 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS erhalten das Heft automatisch per Post und können sich es zudem als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

09.04.2018






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