Verein Frankfurter Sportpresse (VFS)
Alte Freunde: Gu?nter Kollmann (links) und Hartmut Scherzer 1961 auf der Frankfurter Kunsteisbahn in der Radrennbahn im Waldstation (Foto: VFS)

Zum 90. Geburtstag – Was Günter Kollmann fehlt, ist Frankfurt

Günter Kaufmann war wahrscheinlich der erste Redakteur der Deutschen Presse-Agentur überhaupt. Sicher ist jedoch: Er liebt Frankfurt. Am 28. Juli feiert Kaufmann seinen 90. Geburtstag.

Von Hartmut Scherzer

Die Stimme und das Lachen am Telefon klingen so frisch und so fröhlich wie vor 55 Jahren, als wir uns zum Schlittschuhlaufen auf der neuen Kunsteisbahn in der Radrennbahn im Waldstadion verabredeten. Er sei gerade dabei, Steaks zu braten, und ich möchte doch bitte später anrufen, „sonst verbrennt mir das Fleisch“. Günter Kollmann, ein Berufsleben lang Frankfurter Sportjournalist, lebt seit fünf Jahren den Ruhestand mit seiner Frau Inge in einer Eigentumswohnung in Überlingen am Bodensee.

Mir – ich lernte ihn schon als Autogramme sammelndes Kind auf der Suche nach Fotos von Sportgrößen bei der dpa kennen –, imponiert bis heute seine Gelassenheit. Wer als 17-jähriger Gefreiter der 1. Fallschirm-Armee gegen die Invasion in der Normandie kämpfte, dessen Charakter ist fürs Leben geprägt. Günter Kollmann hat als jugendlicher Soldat den „D-Day“ am 6. Juni 1944 überlebt und wird am 28. Juli 90 Jahre alt.

Der alte Freund pflegt noch immer seinen – mittlerweile natürlich ergrauten – „Moustache“. Genau so lange, seit dem Zweiten Weltkrieg, raucht er Gauloises. Nach der abenteuerlichen Kriegsjugend kam der „hundertprozentige Frankfurter“ (Kollmann über Kollmann) wie ein französischer Bohemien daher. Dazu passt die Liebe zum Jazz. Günter genoss die Ebbelwoi-Geselligkeit in Sachsenhausen und Seckbach, das ausgelassene Zusammensein nach den Fußballspielen der Sportpresse-Mannschaft. Er spielte den robusten Stopper und stellte sich auch, wenn kein anderer zur Verfügung stand, ins Tor und zeigte mitunter tollkühne Paraden (Frankfurt-Foto: Fotoagentur Kunz).

Der Jubilar war bis zur Rente 1991 Sportchef des Frankfurter dpa-Büros und wahrscheinlich der erste Redakteur der Deutschen Presse-Agentur überhaupt. Der Zufall bestimmte wie bei so vielen jungen Männern jener Kriegsgeneration die berufliche Karriere. In der Schlacht im Reichswald bei Kleve im Februar 1945 gerieten Kollmann und Kameraden in britische Gefangenschaft. „Wir sind der ersten polnischen Panzerdivision direkt in die Arme gelaufen. Wir wurden zum Minenräumdienst eingeteilt. Nach anderthalb Jahren bin ich aus dem Internierungslager in Antwerpen abgehauen und habe mich ohne jegliche Papiere bis Bad Nauheim durchgeschlagen“, erinnert sich der Senior, als wäre es gestern gewesen.

In Bad Nauheim unterhielt die von den amerikanischen Besatzern im Herbst 1945 gegründete Deutsche Nachrichtenagentur (Dena) ein Büro. Kollmann lernte einen dieser Dena-Typen kennen, bekam eine Anstellung als Copy Boy – und, ganz wichtig, Papiere. „Ohne war ich eine Null.“ Seine englischen Sprachkenntnisse machten ihn schon bald zum Redakteur, der die Nachrichtentexte der Amerikaner ins Deutsche übersetzte. Aus der Dena entstand 1949 die dpa, und aus dem einstigen Laufburschen wurde der Sportredakteur im Frankfurter Büro am Wiesenhüttenplatz.

Regionalübergreifend wurden vor allem Motorsport, dann Profiboxen, Radrennen und natürlich die Eintracht seine speziellen Fachgebiete. Dennoch muss ein Agentur-Journalist Allrounder sein, schnell und genau. „Permanent unter Druck – das war der Job.“ Kollmann war für die DPA bei sechs Olympischen Sommerspielen zwischen 1960 und 1984 im Einsatz. Rom, Tokio, Mexico City, München, Montreal und Los Angeles. Aber nur bei einer Fußball-Weltmeisterschaft, 1974 in Deutschland. Zwischen dem ersten Rennen nach dem Krieg 1950 bis zum Rentenalter 1991 begleitete Günter Kollmann die meisten Weltmeisterschaftsläufe um den Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburg- und Hockenheimring.

Der Agentur-Reporter diktierte seine DIN-A-4-Seitenlangen Berichte über all die legendären Sieger – Alberto Ascari, Juan Manuel Fangio, Jackie Stewart, Jochen Rindt oder Niki Lauda – aus dem Stegreif mit Punkt und Komma Pressestenografen in der Redaktion. Schwer vorstellbar im Digitalzeitalter. Fragt man den 90-Jährigen, ob ihm etwas fehle, ist die Antwort: „Ja. Frankfurt.“

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Nr. 1 / 2016 der Buschtrommel, dem offiziellen Mitteilungsblatt des Vereins Frankfurter Sportpresse und des Sportclubs im VFS. Das gesamte Magazin kann auf der VFS-Website kostenlos als PDF heruntergeladen werden.

28.07.2016






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