Badische Zeitung
Wolfram Köhli (Foto: Sebastian Köhli)

Wolfram Köhli, streitbarer Anwalt des Regionalsports, hört auf

41 Jahre lang arbeitete er für die Badische Zeitung. Nun ist Schluss. Wolfram Köhli hat seinen Schreibtisch geräumt. Es ist ein Abgang, der schwer wiegt.

Von Uwe Schwerer

Was haben Wolfram Köhli und das Vereinigte Königreich gemeinsam? Eigentlich wollten sich beide am 31. März verabschieden – ersterer von der Badischen Zeitung, das große Land in der Nordsee von der Europäischen Union. Doch nur Wolfram Köhli hat dieses Vorhaben konsequent ausgeführt und am letzten Tag im März seinen Schreibtisch in der Sportredaktion Ortenau in Lahr verlassen. 41 Jahre lang hat er für die Badische Zeitung gewirkt. Im Sport würde man sagen: ein Abgang, der schwer wiegt.
 
Wolfram Köhli, der temporär als Fotograf arbeitete und Fotoingenieurwesen studieren wollte, entschied sich für ein Volontariat bei der BZ. „Ich hatte das Glück zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein“, sagt er. Seine Arbeit wurde im Volontärszeugnis von 1977 durch Chefredakteur Ansgar Fürst als „wertvolle Bereicherung für die Zeitung“ eingeordnet. Danach profilierte sich er, der seine Artikel mit wok zeichnete, als Regionalsport-Redakteur für Lahr, später dann für die gesamte Ortenau. Auch war er rasch der Kopf aller Heimatsportredakteure.

„Auf diesem beruflichen Weg halfen ihm sein Ideenreichtum, sein Organisationstalent und seine Argumentationskraft“, sagte Thomas Hauser, der Verleger der BZ, bei der Verabschiedung Wolfram Köhlis. „Man könnte ihn als durchaus streitbaren Anwalt des Regionalsports mit unerschütterlichen Glauben an dessen wachsende Bedeutung angesichts einer zunehmenden kommerzialisierten Welt des Sports bezeichnen.“

Als Handballfachmann der BZ schlechthin profiliert

Wolfram Köhli hat sich als Handballfachmann der BZ schlechthin profiliert. Von 1978 bis 2007 berichtete er von zahlreichen Welt- und Europameisterschaften. Auch mit Volleyball – er selbst pflegte dieses Spiel –, hat er sich mit Fachwissen und Leidenschaft auseinandergesetzt.

Dass er Fußball hingegen nicht schätze, ist ein Gerücht, das jeder soliden Grundlage entbehrt. Wolfram Köhli hat selbst gekickt. Vielleicht lässt sich dies sagen: Er stand und steht der gesellschaftlichen Überhöhung dieses Ballspiels im Kontext des gesamten Sports durchaus kritisch gegenüber. Denn dessen Vielfalt liegt ihm am Herzen.

Kritische Distanz zum Objekt seiner Beobachtungen

Grundsätzlich pflegte Wolfram Köhli eine kritische Distanz zum Objekt seiner Beobachtungen. Er formulierte, wenn es sein musste, unangenehme Wahrheiten, auch wenn ihm das nicht immer den Beifall der Betroffenen eintrug.
 
„Eine Tageszeitung darf nie als das Produkt eines Einzelnen gesehen werden“, sagte er und lebte es vor. Wolfram Köhli leitete an, setzte Impulse, blieb aufgeschlossen, bemühte sich, auch mit kreativen technischen Lösungen, Freiräume in den Redaktionen zu erhalten, die von der zunehmenden Zahl an Aufgaben bedroht wurden.

Ausgezeichnenter Kollege und ernsthafter Sportjournalismus
 
2004 wurde er für ein crossmediales Konzept mit dem Veltins-Lokalsportpreis ausgezeichnet. 2015 ging der Inklusionspreis des Badischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes an die Sportredaktion Ortenau. Ernsthaften Sportjournalismus an der Basis umzusetzen, dies war für Wolfram Köhli Leitbild und Motivation zugleich. So initiierte er vor 20 Jahren im Sportjournalisten-Verein Baden-Pfalz den Regionalsportpreis. Mit der Intention, den Kollegen ein kleines Schaufenster für ihre ausgezeichnete Arbeit zu bieten.
 
Die Verbindung zwischen Wolfram Köhli und der BZ soll erhalten werden. Er hat beim Abschied gesagt, er wolle sich immer wieder mal – eher unregelmäßig – zu Themen in der Zeitung und auf der Online-Plattform zu Wort melden. Wir sind gespannt.

Dieser Artikel erschien zuerst (in einer längeren Fassung) in der Badischen Zeitung. Wir danken den Kollegen herzlich für die großzügige Überlassung. Ein herzliches Dankeschön geht auch an Sebastian Köhli, dessen Foto wir nutzen dürfen.

28.04.2019






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