Verein Münchner Sportjournalisten (VMS)
Olympiastadion in München (Foto: Fotoagentur Kunz/Augenklick)

Gerd Raithel zum 90. Geburtstag – Bewundernswerte Laufbahn

Ihm war es vergönnt, über drei Fußball-Weltmeisterschaften und sechs Olympische Spiele zu berichten. Bei der Fußball-WM 1954 war er wohl jüngster deutscher Journalist. Am 21. Februar wird Gerd Raithel, Mitglied des Vereins Münchner Sportjournalisten, 90 Jahre alt.

Von Margit Conrad

Von Jesse Owens schwärmt Gerd Raithel noch heute, als wär’s erst gestern gewesen. Owens (damals 22 Jahre alter US-Amerikaner) holte bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin sage und schreibe vier Goldmedaillen in den Sprintdisziplinen 100 und 200 Meter, darüber hinaus mit der 4x100-Meter-Staffel und dann auch noch im Weitsprung.

„Für mich war damals der schnellste Mann der Welt mein Held und nicht so sehr Max Schmeling, den die Jugend verehrte,“ erinnert sich Raithel, der als Fünfjähriger Owens’ Olympia-Erfolge mit seinem Vater vor dem Radio verfolgt hat.
 
„Filmausschnitte gab’s da nicht sofort, die dauerten meist 14 Tage“, sagt er und erzählt, dass er mit sieben Jahren, als er schon lesen konnte, zu Hause ein Olympiabuch entdeckte, mit diesem in der Waschküche verschwand und mit einem Wasserschlauch als Mikrofonersatz in der Hand Owens’ 100-Meter-Lauf im Stile eines Radioreporters laut vorlas. Schon da war wohl der Wunsch, Sportjournalist zu werden, präsent (Raithel-Foto: privat).   

Wenn er am 21. Februar 2021 bei guter Gesundheit mit seiner Frau Marga und Tochter Bettina seinen 90. Geburtstag feiern kann, dann schwelgt er auch in Erinnerungen, und dann berichtet das älteste VMS-Mitglied (seit 1961), das von 1953 bis 1961 dem Verein Nordbayerischer Sportjournalisten angehörte, über seine ungewöhnliche und vor allem bewundernswerte Laufbahn als Sportjournalist.

Geboren im oberfränkischen Rehau, volontierte Gerd Raithel nach dem Abitur zunächst ein Jahr bei der Oberfränkischen Volkszeitung in Hof und begann dann in München mit dem Studium der Zeitungswissenschaft (das viel praxisnähere Fach Kommunikationswissenschaft gab es längst noch nicht).

Die Anfrage bei einer dritten Zeitung endete mit einem Knalleffekt

In den Semesterferien 1952 übernahm er Urlausvertretungen in den Lokal- und Sportredaktionen von zwei oberfränkischen Heimatblättern, die folgende Anfrage bei einer dritten Zeitung endete mit einem Knalleffekt: Beim Hofer Anzeiger gab es statt eines erhofften dritten Ferienjobs noch am gleichen Tag einen Vertrag als festangestellter Redakteur, noch dazu im Wunschresort Sport.

Zum Journalismus war er nicht zuletzt durch den Sport gekommen. In jungen Jahren besaß er drei Spielerpässe, im Fußball, Handball und Tischtennis und schrieb schon als Schüler kleinere Sportberichte für das Rehauer Tagblatt.

Mutmaßlich jüngster deutscher Journalist bei Fußball-WM 1954 in Bern

Wie schrieb doch der langjährige VMS-Vorsitzende Hans Eiberle anlässlich des 85. Geburtstags des Jubilars: „Bei der Fußball-WM 1954 in Bern war Gerd Raithel mutmaßlich der jüngste deutsche Journalist.“ Diese prägende Erfahrung war wohl sein endgültiger Abschied vom Studium, denn als junger Redakteur verdiente er damals nicht schlecht – 360 Mark im Monat.

Mit einem Sonderzug fuhr er 1955 zwei Tage nach Moskau, um nicht nur über das Fußball-Länderspiel gegen die damalige UdSSR zu berichten, sondern auch um eine Serie über die damals so strapaziöse, aber außergewöhnlich interessante Reise und die Metropole an der Moskwa zu schreiben. Zum ersten Mal durften westdeutsche Touristen nach Kriegsende in die UdSSR reisen, vier Wochen vor der legendären Adenauer-Reise, bei der die Freilassung der letzten 10.000 deutschen Kriegsgefangenen erreicht wurde. Dank der Hilfe eines russischen Arztes konnte Raithel trotz einer Blinddarmreizung berichten.

1961 wechselte Raithel von Hof nach München zur Bild. Er berichtete 1966 aus Rom von der Vergabe der Olympischen Sommerspiele an München und freute sich darüber besonders, denn der Olympiapark entstand nur zwei Kilometer von seiner Wohnung entfernt. Ein Jahr vor den Spielen, 1971, wurde er stellvertretender Ressortleiter der AZ München (Logo: Verein Münchner Sportjournalisten).

In seiner journalistischen Laufbahn war es Gerd Raithel vergönnt, über drei Fußball-Weltmeisterschaften, sechs olympischen Spiele und zehn nordischen Ski-Weltmeisterschaften zu berichten. Nach wie vor nachhaltig und mit Stolz begleitet ist für den gebürtigen Oberfranken der legendäre 5:0-Sieg von Bayern Hof über den FC Bayern München. 1988 wurde Raithel Pressechef des Bayerischen Landessportverbands (BLSV) und Redakstionsleiter der Verbandszeitung bayernsport.

Bis weit über die 70 hinaus war er begeisterter Skilangläufer

Als Ruheständler war er von 1995 an zwölf Jahre lang Medienbeauftragter des Bayerischen Leichtathletik-Verbands und Münchner Korrespondent der Fachzeitschrift Leichtathletik. Bis weit über die 70 hinaus war er begeisterter Skilangläufer, und der rüstige 90er nimmt sehr gerne an der jährlichen Einladung von Bayern München zum Treffen der ehemaligen FCB-Berichterstatter teil.

Das Engagement zurückgeschraubt hat er nach einem Verkehrsunfall in München, bei dem er schwer, seine Frau sehr schwer verletzt wurde. Aber er und seine ebenfalls 90-jährige Marga – 2017 feierten sie Diamantene Hochzeit –, sind zufrieden über die gesundheitliche Entwicklung wie sie sich heute präsentiert. Und dazu wünschen wir vom VMS nur das Allerbeste.

21.02.2021






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