Verein Münchner Sportjournalisten
David Ewell in der Münchner Olympia-Schwimmhalle (Foto: VMS)

Emotionale Rückkehr eines Olympia-Volunteers nach 50 Jahren

17 war er, als er sich als Volunteer für die Olympischen Sommerspiele 1972 in München beworben hat. 50 Jahre später kehrt er zurück an die damalige Einsatzstätte: David Ewell, der Cousin der beiden VMS-Vorstandsmitglieder Thomas und Joachim Walz.

Von Margit Conrad

Weniger aus sportlichen Ambitionen besucht David Ewell München, sondern vielmehr um nach zehn Jahren in Kalifornien „Zeit mit der Familie“ zu verbringen, seiner mittlerweile 92-jährigen Mutter Gudrun sowie den Cousins Thomas und Joachim Walz (1. Vorsitzender beziehungsweise Schatzmeister des Vereins Münchner Sportjournalisten).

Anfang August traf Ewell, der Architekt, nunmehr im Ruhestand, in der bayerischen Landeshauptstadt ein, wohnt bei seiner Mutter und genießt die Treffen mit seiner Verwandtschaft. Und er genoss auch den Biergartenbesuch im „Hirschgarten“, der den noch 67-Jährigen an das Ende der heiteren Spiele von 1972 zurückerinnerte.

Denn Ewell „feierte“ dort mit seinen Kolleginnen und Kollegen, nachdem sein Einsatz als Volunteer bei den Schwimmwettbewerben – sie fanden in der ersten Woche der Olympischen Spiele 1972 statt – eigentlich beendet war. Er habe sich sogar überlegt das Angebot anzunehmen, in anderen Sportarten auszuhelfen (Foto: Volunteer-Uniform: VMS).

Doch dann sei die schreckliche Nachricht vom Attentat und dem Massaker an den israelischen Sportlern bekannt geworden. „Wir alle haben uns gefragt, wie es noch weitergeht und auch, ob die Spiele noch weitergehen dürfen oder sollen. Denn auf einmal bekamen die Spiele, die bis auf winzige Ausnahmen makellos gelaufen sind, einen schrecklichen Beigeschmack“, sagt Ewell. Wie man weiß: Sie gingen weiter, auch um nicht Terroristen das Spielfeld und den Fortbestand der Olympischen Spiele zu überlassen. „The games must go on!“, verkündete der damalige IOC-Präsident Avery Brundage.

Dass Rassismus auch im Sport an der Tagesordnung gewesen ist, das wurde ja schon bei der Siegerehrung von Olympia 1968 – bekannt als „Black Power Salute“ – offenbar. Dennoch war das für Ewell kein Grund, sich nicht als Volunteer für die Spiele in München zu bewerben, denn wer konnte mit so einer „abscheulichen Tat“ rechnen?

Weiter Weg über den Teich nach München

„In einer US-amerikanischen Zeitung ist uns das Inserat aufgefallen, dass sie Helfer suchen, die deutschsprachig sind“, sagt Mutter Gudrun Ewell. Und da Sohn David damals die vierte Deutschklasse in der High School besuchte, hat er sich mit entsprechendem Lebenslauf beworben. Er bekam auch eine positive Antwort. „Den Flug haben wir selbst zahlen müssen“, erinnert sich Gudrun Ewell, die sehr stolz darauf ist, dass ihr Sohn vor 50 Jahren den Weg über den Teich nach München geschafft hat.

Die Entlohnung selbst war nach heutigen Gesichtspunkten mit sieben Deutschen Mark pro Tag nicht gerade der Hit, allerdings gab es gratis Essen und Schlafstelle (damals in einer Turnhalle in der Knappertsbuschstraße). „Und ich konnte, wenn es noch freie Plätze gegeben hat, auch andere Wettbewerbe besuchen“, berichtet Ewell.

Das nachhaltigste Erlebnis ist für ihn das Basketballfinale (wohl das umstrittenste in der Geschichte dieser Sportart) zwischen den USA und der damaligen UdSSR in der Rudi-Sedlmayer-Halle. Eigentlich hatten die Spieler der Vereinigten Staaten 50:49 gewonnen, doch dann kam Einspruch wegen einer nicht gegebenen „angeblichen“ Auszeit. Drei Sekunden reichten dem UdSSR-Team, um doch noch zu gewinnen und Olympiasieger zu werden (Foto David Ewell vor der Münchner Olympia-Schwimmhalle: VMS).

Sein Einsatz bei Olympia 1972 war dennoch ein ganz besonderer. „Denn als Volunteer war ich sozusagen Kartenabzwicker für die Besucher“, erinnert sich Ewell. Aber er durfte die sieben Goldmedaillen von Mark Spitz hautnah miterleben. Schon vier Jahre zuvor hatte Spitz dies großspurig angekündigt, schaffte allerdings nur vier. In München sahnte Mark Spitz alle Siege ab.

Schwimm-Ikone Mark Spitz persönlich kennengelernt

„Ich kannte Spitz, er war ja Clubschwimmer bei Santa Clara, allerdings nicht persönlich.“ Aber er hat den Seriensieger doch noch leibhaftig erleben dürfen. „Im Schwimmstadion gab es eine Sauna, da war ich. Und als ich nach draußen kam, stand da Mark Spitz und föhnte sich die Haare. Ich habe ihm gratuliert und ,Good luck‘ gewünscht. Er war sehr nett und hat sich für meine Glückwünsche bedankt. Damals hatte er bereits fünfmal Gold gewonnen.“

Und dann darf man nicht ganz unter den Tisch fallen lassen. „Ich durfte Jesse Owens die Hand schütteln und dem Finale im Schwergewicht der kubanischen Boxlegende Teófilo Stevenson beiwohnen.“ Was will man noch mehr?

07.09.2022






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