Interview mit Fußball-Weltenbummler Holger Obermann – Teil II
Spielende Kinder (in Südafrika): „Nach schrecklichen Erlebnissen im Alltag mithilfe des Fußballs motivieren“ (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

„Der Jugend helfen, wieder nach vorne zu schauen“

Seine Mission ist klar: Holger Obermann will mit dem Fußball Kinder und Jugendliche unterstützen, die weltweit in Armut leben. Ans Aufhören denkt der 79-jährige Trainer noch lange nicht – zum Glück.

Im ersten Teil des Interviews mit Holger Obermann konnten Sie erfahren, was der Auslandstrainer in asiatischen Krisen- und Kriegsgebieten erlebte.

Der Fußball-Journalist Holger Obermann, geboren am 31. August 1936 in Kassel, berichtete von vier Weltmeisterschaften und moderierte die ARD-Sportschau (Porträt-Foto: firo/Augenklick). Aktiv spielte er bei Concordia Hamburg, Hessen Kassel und SC Elizabeth New York. Mit der DFB-Lizenz war Obermann Nachwuchstrainer bei den Offenbacher Kickers und Eintracht Frankfurt. Danach arbeitete er als Fußball-Entwicklungshelfer in 30 Ländern, war unter anderem Nationaltrainer in Gambia und Malaysia. Obermann ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und seit 2013 „Deutscher Fußball-Botschafter“. Er spendet regelmäßig Preisgelder, zum Beispiel für den Bau von Bolzplätzen in Nepal. Das Land war im April und Mai 2015 von schweren Erdbeben erschüttert worden. Obermanns neuestes Buch heißt „Mein Fußball hatte Flügel – Erlebnisse von New York bis Kabul“. Das Werk ist im Verlag Balog & Co. erschienen (186 Seiten, 12,80 Euro).

sportjournalist: Herr Obermann, Sie sind als Trainer durch die ganze Welt gereist. Was war Ihr skurrilstes Erlebnis?

Holger Obermann: Die Nationalmannschaft Papua-Neuguineas reiste 1988 nach Taipeh, zu einem Qualifikationsspiel für den Asien-Cup gegen die Auswahl von Taiwan, wo ich gelegentlich arbeitete. Dort hatte sich die Delegation aus Papua-Neuguinea zum Einmarsch vor 5000 Besuchern etwas Besonderes einfallen lassen. Als Symbol eines Landes, in dem es noch „Menschenfresser“ geben soll, trug der Kapitän als Geschenk für den Gastgeber einen Totenkopf unter dem Arm.

sj: Ein Schreckensbild ...

Obermann: ... geformt aus Ton – ein Symbol mit negativer Wirkung. Die taiwanesischen Spieler sahen dem Zeremoniell der Übergabe mit Entsetzen zu. Der Schrecken saß ihnen in den Gliedern. Und so spielten sie dann auch. Zur Pause lagen wir 0:4 hinten. Die Zuschauer pfiffen, sie hatten mehr erwartet vom neuen Trainer aus Deutschland.

sj: Jetzt waren Sie gefragt. Fiel Ihnen etwas ein?

Obermann: In der Kabine gab es nicht die erwartete Gardinenpredigt. Stattdessen nahm ich den Totenkopf, knallte ihn mit einem Urschrei und voller Wucht an die Wand, die Attrappe zersplitterte in viele Teile.

sj: Was passierte dann?

Obermann: Unter den Spielern brach ein spontaner Jubel aus, so laut, dass sie den Schiedsrichterpfiff zur zweiten Halbzeit nicht hörten. Erst ein Klopfen an der Tür riss sie raus aus ihrem freudigen Aufruhr. Danach spielten sie sich in einen wahren Rausch, 4:4 stand es zwei Minuten vor Schluss. Und als der Schiri schon auf die Uhr schaute, ein Fernschuss – 5:4. Das Wunder war geschehen!

sj: Hokuspokus.

Obermann: Na ja. So wie hier gab es fast immer ein Happy End.

sj: Eine ungewöhnliche Welt, hat man da kein Heimweh?

Obermann: Manchmal schon, das muss ich zugeben. Da sehnte ich mich zurück in mein gemütliches Zuhause im hessischen Friedrichsdorf.

sj: Was motiviert unter den vielen Gefahren immer aufs Neue?

Obermann: Wenn ich am nächsten Tag wieder hundert Kinder zu betreuen hatte. Zum Beispiel nach dem Tsunami in Sri Lanka, da gab es keine Zweifel mehr. Morgens standen Kinder und Jugendliche vor mir. Ärmlich gekleidet, ohne Schuhe, hungrig und oft geschockt von den Auswirkungen der Naturkatastrophen.

sj: Haben Sie ähnliche Erfahrungen auch in anderen Ländern gemacht?

Obermann: Ja, in Nepal, dem Land der Berge, dort erging es mir nicht anders. Wo der Sport und überhaupt das ganze Land nach den blutigen Unruhen im Jahr 1990 zusammengebrochen war. In diesen Momenten wusste ich, warum ich ausgezogen war in die Welt der notleidenden Kinder und Jugendlichen.

sj: Wer hat Ihnen geholfen, die materiellen Nöte zu lindern?

Obermann: Das Netzwerk meiner Auftraggeber, der Deutsche Olympische Sportbund, der Deutsche Fußball-Bund und der Fußball-Weltverband. Und ohne jetzt irgendeine Hilfe oder Helfer geringer zu schätzen, möchte ich hier die materielle Unterstützung von adidas hervorheben oder auch die Beckenbauer-Stiftung und den ganz persönlichen Einsatz von Franz Beckenbauer.

sj: Man könnte Sie einen „Missionar des Fußballs“ nennen, mit Ihrem Einsatz in zum Teil bettelarmen Ländern der asiatischen Welt. In Ihrem neuesten Buch ist zu erfahren, wie dort für die Kinder der Sport zu einem Spiel neuer Lebensfreude wurde.

Obermann: Ich wollte es wagen, die Jugend mithilfe des Fußballs nach schrecklichen Erlebnissen im Alltag zu motivieren, ihr helfen, wieder nach vorne zu schauen. Eine Herausforderung, die ich nie bereut habe. Sie nimmt, wenn ich auf meine Arbeit zurückblicke, mit Sicherheit den höchsten Stellenwert der 30 Projekte auf fünf Kontinenten ein.

Mit Holger Obermann sprach Wolfgang Uhrig

15.02.2016






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