Serie „Einsteiger, Aussteiger, Umsteiger“
Lou Richter: „Zwischen den Stühlen kann man auch sehr unbequem sitzen“ (Foto: firo Sportfoto/Augenklick)

Einsteiger Lou Richter – „Mit neuer Lust zur alten Liebe“

Comedy, Sportberichterstattung und Musik – Lou Richter ist in etlichen Genres zuhause. Im sportjournalist-Interview spricht der 55-Jährige über sein neuestes Projekt, sein Faible für Basketball und darüber, weshalb Vielseitigkeit auch von Nachteil sein kann.

Lou Richter, 55, begann 1987 beim Hamburger Privatsender Radio 107. Fünf Jahre später wechselte er zu Sat.1 in die Redaktion ran. Von 1993 bis 1995 führte er durch jump ran, ein wöchentliches Magazin zur nordamerikanischen Basketball-Liga NBA. Anschließend war Richter tätig als Autor und Schauspieler, 1997 bis 2004 Rückkehr zum Sport von Sat.1. Danach verschiedene TV-Stationen – als Fußball-Fieldreporter, in Comedy-Produktionen, als Talkshow-Moderator, Texter, Komponist, darunter „Wir sind Schalker“, das eine Zeit lang das offizielle Lied der Lizenzspieler des Revierklubs war. Richter ist Mitbegründer der neuen Fußball-App ticr, die mit Beginn des Jahres an den Start ging.
 
sportjournalist: Lou Richter, unvergessen sind Sie vor allem als „Gesicht des Basketballs“. Wenn man heute von ausverkauften Hallen in der Bundesliga liest – trauern Sie Ihrer Zeit ein bisschen nach?
 
Lou Richter: Nein, ich trauere höchstens um Menschen. Volle Hallen sind toll, aber wer sich heute die Mitgliederzahlen im Deutschen Basketball-Bund ansieht, kann erkennen, dass da keine große Entwicklung stattgefunden hat. Basketball bleibt in Deutschland ein ganz schwieriges Thema (Basketball-Foto: sampics/Augenklick).
 
sj: Als Sie sich in Ihrer letzten jump-ran-Sendung verabschiedet haben, fragten Sie zum Schluss: „Was mache ich jetzt bloß ohne Basketball?“
 
Richter: Naja, es war schon ein wehmütiges Ende. Von 2000 bis 2003 gab es ja noch mal eine Basketball-Sendung mit mir in Sat.1. Aber das Aus der Fußball-Bundesligarechte des Senders traf nicht nur das Flaggschiff ran, sondern das ganze Sportprogramm.
 
sj: Und jetzt?
 
Richter: Langeweile hatte ich nie. Unter anderem war ich Stammgast in Shows wie Genial daneben mit Hugo-Egon Balder bei Sat.1, Darf man das? bei Kabel1, war Gastgeber der Fußball-Talkshow Heimspiel bei Sport.1, zwischendurch Fieldreporter im Fußball für Liga total! – und nicht zu vergessen: meine Schlaflieder für Kinder.
 
sj: Im Internet findet man zu Lou Richter den Hinweis auf Ballermann-Kompositionen wie „Zehn nackte Friseusen“. Und jetzt das!
 
Richter (lacht): Als meine Tochter klein war, habe ich begonnen, für Sie Schlaflieder zu komponieren. Als das auch anderen gefiel, haben wir einige dieser Lieder mit der Sängerin Ninja Kim – die heißt wirklich so – produziert und veröffentlicht.
 
sj: Das bunte Programm eines Sportjournalisten.
 
Richter (Foto: ticr): Ach, Sport ist doch Unterhaltung, sogar die schönste Form von Unterhaltung. Da ist alles drin: Dramatik, Emotionen, Siegen und Scheitern – das ist Sport. Und Unterhaltung. 
 
sj: Was machen Sie am liebsten?
 
Richter: Das ist zum Teil ein Problem meiner Fernsehkarriere. Es ist mir häufiger passiert, dass Entscheider sich gefragt haben: Wo packe ich den denn jetzt eigentlich hin? Der macht Comedy, sagten die Sportleute, der ist doch Sportjournalist, sagten die anderen. Zwischen den Stühlen kann man auch sehr unbequem sitzen.
 
sj: Gab es nie ein neues Angebot?

Richter: Schon, aber nichts, das mich gereizt hätte. Und außerdem habe ich meinen Stempel.
 
sj: Was für ein Stempel?

Richter: Ein Bastard zu sein zwischen Unterhaltung und Sport, ohne eine klare Zielausrichtung. Ein lupenreines Profil ist sicher hilfreich. Aber für mich ist Vielfalt die Würze des Lebens.
 
sj: Trauern Sie der regelmäßigen TV-Präsenz nach?

Richter: Was vorbei ist, ist vorbei. Ich bin sicherlich schon lange kein Comedian mehr, das war mal so eine Phase. Auch das Fernsehen vermisse ich nicht. Was mich heute wahnsinnig stört und mir damals als Fieldreporter schon auf die Nerven ging: da kriegst du nur noch vorgestanzte Formulierungen, jede Aussage mit angezogener Handbremse, von Beratern oder Agenturen vorgekautes Zeug.
 
sj: Noch aber lieben Sie Fußball – sonst hätten Sie wohl nicht die App ticr erfunden (Foto: ticr-Logo)

Richter: Ja, das ist mein neues Ding!
 
sj: ticr – was ist da neu?

Richter: Auf der kostenlosen App ticr – gesprochen Ticker – kann jeder Nutzer jedes Spiel selbst tickern. Fußballspiele, egal ob Kreisliga oder WM, mit Texten, Fotos, Videos und Audio-Mitschnitten live besprechen, sich mit Fans austauschen. Profis wie der frühere Nationalspieler Tim Borowski oder die Schiedsrichter-Legende Bernd Heynemann steuern redaktionelle Inhalte bei.
 
sj: Lou Richter also zurück zu den Wurzeln.

Richter (lacht): Das kann man so sagen – über ticr mit neuer Lust zur alten Liebe.
 
Mit Lou Richter sprach Wolfgang Uhrig

12.06.2016






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