dpa-Sportchef Martin Romanczyk im Interview
Blick über Rio de Janeiros neuen Stadtteil Barra (Foto: Kunz / Augenklick)

„Diese Olympischen Spiele sind wohl die ersten Online-Spiele“

Martin Romanczyk ist seit vielen Jahren bei der dpa. Die Wettkämpfe in Rio de Janeiro sind für den 55-Jährigen die ersten als Sportchef. Dem sportjournalist erklärt der Volkswirt, weshalb er erfolgreiche Spiele erwartet.

Der Reiz des Neuen besteht für Martin Romanczyk (55) nicht in einem ständigen Wechsel des Arbeitgebers. Seit Beginn seines Berufslebens ist er dpa treu, allerdings suchte er sich alle paar Jahre eine neue Aufgabe in der Nachrichtenagentur. Der studierte Volkswirt war Wirtschaftsredakteur, Auslandskorrespondent in Moskau und Brüssel, Leiter der Ressorts Wirtschaft sowie Internationale Politik und zuletzt einer der Nachrichtenchefs in Berlin. Seit einem guten Jahr leitet Romanczyk (Foto: dpa / Michael Kappeler) die Sportredaktion.

sportjournalist: Herr Romanczyk, wie kommt man als ehemaliger Wirtschaftsredakteur, Korrespondent und Nachrichtenchef in den Sport?

Martin Romanczyk: Es war für mich eine wirklich spannende Herausforderung, einmal etwas ganz anderes zu machen, als mich der Chefredakteur fragte. Die Veränderungen, die der digitale Medienwandel bringt, sind im Sport besonders groß. Die Echtzeit-Berichterstattung hat sich enorm verändert: Es gibt eine Flut von Informationen und Bildern, real time und rund um die Uhr verfügbar. Social-Media-Kanäle bringen viel Geschwindigkeit in unsere Arbeit. Vieles, was sich in diesen Netzwerken abspielt, ist selbst Gegenstand von Berichterstattung.

sj: War der Beruf Sportjournalist kein Kindheitstraum?

Romanczyk: Nein, eher war es der Reiz, dieses Neuland zu betreten. Ich habe mich bei dpa alle vier, fünf Jahre verändert. Und da kam das Angebot recht: Ich war gerade fünf Jahre Nachrichtenchef.

sj: War Ihr erstes Jahr im Sport ohne Großereignisse so etwas wie eine Aufwärmphase für diesen Sommer mit Fußball-EM und Olympia?

Romanczyk: Ja, ich habe viel lernen können und lerne weiter dazu. Vor beiden Ereignissen habe ich Respekt. Ich denke, dass beide Großveranstaltungen gut klappen werden, weil wir gut vorbereitet sind. Ich habe mit dem Team in dieser „Aufwärmphase“ die Planung verstärkt und verfeinert, die nachrichtliche Taktung für die „Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung“ nachgeschärft und vor allem unser Frühprogramm breiter angelegt. Teamarbeit ist dabei unabdingbar. Mein Stellvertreter Christian Hollmann betreut federführend die Olympischen Spiele, unser Fußballchef Arne Richter federführend die EM.

sj: Olympia in Rio (Foto Deutsche Ringer: GES-Sportfoto / Augenklick) ist vor allem aufgrund der Zeitverschiebung eine große Herausforderung. Wie reagiert die dpa darauf?

Romanczyk: Vor allem für unsere Zeitungskunden ist Rio eine nicht ganz einfache Zeitzone. Wenn wir dort spätestens um sechs Uhr morgens mit der Arbeit beginnen, ist es in Deutschland schon elf. Viele Entscheidungen, die spätabends in Rio fallen, wie der 100-Meter-Lauf der Männer, finden nach deutscher Zeit in den frühen Morgenstunden statt. Da müssen wir danach so schreiben, dass der Bericht auch mehr als 30 Stunden später mit Interesse in einer deutschen Tageszeitung gelesen wird. Online ist es, wie es ja bei Nachrichtenagenturen schon immer war: Es gibt keinen Redaktionsschluss, alles muss schnell auf den Draht.

sj: Wie muss die Berichterstattung aussehen?

Romanczyk: Diese Olympischen Spiele sind gerade wegen der Zeitverschiebung wohl die ersten Online-Spiele. Das erfordert verschiedene Formate, die die Kunden auch für mobile Geräte nutzen können. Wir werden allen, eben auch den Tageszeitungen, ein vielfältiges Angebot an Vorberichten und einordnenden Geschichten machen. Wir werden sehr viel mit Hintergründen arbeiten und müssen spannende Geschichten erzählen, die über das Ereignis eines Olympiasieges hinausgehen und Bestand haben.

sj: Ihr Kollege vom SID, Sven Froberg, sagte dem sportjournalist vor Kurzem, dass Agenturen wichtiger denn je sind. Teilen Sie diese Ansicht?

Romanczyk: Die teile ich. Eine Nachrichtenagentur ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit unserer Kunden: Wir sind die verlängerte Werkbank und wollen passgenau zuliefern.

sj: Aufgrund der Vielzahl der möglichen Quellen ist es schwieriger und aufwändiger geworden, Meldungen zu verifizieren. Und der Zeitdruck ist größer geworden.

Romanczyk: Eine Konstante unserer Arbeit trotz aller Innovationen bleibt: die unbedingte Sorgfaltspflicht. Das ist die Basis unserer täglichen Arbeit. Klassische Nachrichtenagenturen sind heute schon oft mit einer News nicht mehr die ersten auf dem Markt. Beispielsweise, wenn ein Bundesligaverein einen Transfer twittert, dann hat der Klub seine Abertausenden Follower an klassischen Medien vorbei informiert. Es liegt an uns herauszufinden, ob der Fakt stimmt und vor allem, was er bedeutet – für die Vereine, den Spieler, die Fans. Wichtige Aufgabe einer Agentur ist und bleibt, schnell zu informieren, aber wir müssen diese Fakten verifizieren, einordnen, erläutern und mit dem nötigen Hintergrund versehen.

Mit Martin Romanczyk sprach Elisabeth Schlammerl

Das Interview mit Martin Romanczyk finden Sie in voller Länge in der Juni-Ausgabe des sportjournalist. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

24.06.2016






« zurück
14. / 15. März 2022 in Oberhausen



Magazin sportjournalist
Die aktuelle Ausgabe:
Dezember/Januar 2021/2022

Titelthema

Auf Wiedersehen! Wie aus dem gedruckten sportjournalist ein Newsletter werden soll
Von Arno Boes

Intern
Der VDS-Wahlkongress in Dortmund: André Keil zum neuen Präsidenten gewählt
Von Elke Rutschmann

Interview
„Humor und Härte“ – Gespräch mit dem Sportchef der Süddeutschen Zeitung, Claudio Catuogno
Von Hans Strauß

Medien
Die Olympischen Winterspiele von Peking: Was uns erwartet
Von Marcel Grzanna

Weitere Informationen
Regionalvereine