Kommunikationswissenschaftler Daniel Nölleke über TV-Experten
ZDF-Experte Sebastian Kehl (Foto: firo Sportphoto/Augenklick)

„Harsche Kritik gilt als Nestbeschmutzung“

Ehemalige Sportler bevölkern als Sidekicks der Moderatoren die TV-Bildschirme. Experten-Experte Dr. Daniel Nölleke nennt im sportjournalist-Interview die Gründe für den massiven Einsatz der Promis.

Seine Magisterarbeit schrieb Dr. Daniel Nölleke (Foto: privat) über „ehemalige Sportler als Experten in der TV-Sportberichterstattung“. Seine Dissertation trug den Titel „Experten im Journalismus – Systemtheoretischer Entwurf und empirische Bestandsaufnahme“. Heute arbeitet der 38 Jahre alte Kommunikationswissenschaftler an der Universität Münster.
 
sportjournalist: Herr Dr. Nölleke, Sie haben auf diesem Gebiet jahrelang recherchiert und geforscht: Was motiviert private, aber inzwischen auch die öffentlich-rechtlichen TV-Sender, immer mehr frühere Spitzensportler als „Experten“ hinzuzuholen?
 
Daniel Nölleke: Zunächst einmal ein simpler wie legitimer Pragmatismus. Für die TV-Teams geht es insbesondere bei großen Events aufgrund der beträchtlichen Sendezeitfenster schlicht darum, diese mit Inhalt auszufüllen. Inhalt, der möglichst fundiert ist und einen Mehrwert für den Zuschauer bietet. Dies wird aus Sicht der Verantwortlichen gewährleistet, wenn man sich Unterstützung von Leuten holt, die als legitime Experten wahrgenommen werden und aufgrund ihrer Erfahrung im Sport Insiderwissen mitbringen.
 
sj: Teilen Sie diesen Ansatz?
 
Nölleke: Es ist nachvollziehbar, dass man sich Verstärkung sucht, die aus erster Hand berichten kann, aus der eigenen Erfahrung und die ein Gespür für Geschehnisse und Emotionen im Sport hat. Glaubwürdigkeit, Authentizität und fachliche Nähe – das sind Eigenschaften, die eher Experten zugeschrieben werden, die selbst erfolgreiche Sportler waren, als den TV-Journalisten. Man mag verstehen, wenn das mitunter kritisch betrachtet wird. Wenn es heißt, die Moderatoren und Reporter müssten doch bitte selbst über ausreichend Expertise verfügen. Das fällt besonders dann auf, wenn ein Experte den Erkenntniswert kaum zu erhöhen scheint. Dann stellt sich die Frage: Was erreicht man beim Zuschauer damit?
 
sj: Bereicherung oder – unnütze – Inszenierung: Viel hängt also vom Experten selbst ab?
 
Nölleke: Klar. Es ist ja auch nicht leicht für die Ex-Sportler, unbequeme Dinge zu äußern, harsche Kritik zu üben. Das gilt dann schnell als Nestbeschmutzung und Respektlosigkeit. Deshalb geht es häufig auch eher um nette Anekdoten und Storys aus der Vergangenheit, die sich teilweise auf die Gegenwart beziehen lassen, als darum zu kritisieren. Klartext ist nicht so einfach. Einige trauen sich, andere eben nicht. Und noch ein Satz zum Thema Inszenierung: Es geht natürlich immer auch um die Markenbildung, um Glamour und Positionierung. Opdenhövel/Scholl oder Welke/Kahn sind als Duos ja auch längst Marken für die Sender.
 
sj: Also ist der PR-Faktor auch zu beachten?
 
Nölleke: Ja. Die Ex-Sportler sind, wenn sie sich mal aus der Deckung wagen, natürlich zitabler für Agenturmeldungen, Nachberichterstattung mit Quellenangabe und so weiter. Wenn Oliver Kahn Kritik übt oder Mehmet Scholl wie bei der EM etwas Provokantes sagt, hat das mehr Punch als wenn Oliver Welke oder Matthias Opdenhövel das tun. Das ist dann viel griffiger, hat viel mehr Außenwirkung. Und: Wenn Sport-Promis bei TV-Sendern anheuern, ist die Verkündung dessen ja fast schon ein festlicher Akt. Womit wir wieder bei der Markenbildung wären.
 
Mit Dr. Daniel Nölleke sprach Frank Schneller. Lesen Sie im zweiten und letzten Teil des Interviews, wie es um die journalistische Ausbildung der Experten bestellt ist.

Dieses Interview stammt aus der Ausgabe August 2016 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

06.10.2016






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