Experten-Experte Daniel Nölleke im Interview
Der frühere Schiedsrichter und heutige TV-Experte Urs Meier (Foto: firo Sportphoto/Augenklick)

„Ein großer Name allein reicht nicht“

Dr. Daniel Nölleke beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Phänomen der TV-Experten. Im sportjournalist-Interview erklärt er, welche Qualifikation für den Job nötig ist. Wirklich hoch sind die Ansprüche nicht.

Im ersten Teil des zweiteiligen Interviews mit Dr. Daniel Nölleke (Foto: privat) ging es um die Motive der Sender, so massiv auf frühere Aktive zu setzen. Seine Magisterarbeit schrieb Nölleke über „ehemalige Sportler als Experten in der TV-Sportberichterstattung“. Seine Dissertation trug den Titel „Experten im Journalismus – Systemtheoretischer Entwurf und empirische Bestandsaufnahme“. Heute arbeitet der 38 Jahre alte Kommunikationswissenschaftler an der Universität Münster.
 
sportjournalist: Herr Dr. Nölleke, müssten alle Experten journalistisch geschult werden?
 
Nölleke:
Sie werden sicher sehr intensiv gecastet. Eine Sondierung, wer bildschirm-kompatibel ist und wer nicht, findet schon statt. Ein großer Name allein, ein Original zu sein, reicht nicht. Es gehört schon mehr dazu. Die Ex-Sportler schlüpfen ja in eine neue Rolle. Aber eine fundierte, journalistische Ausbildung, um quasi als Sidekick eingesetzt werden zu können, ist weder nötig, noch findet sie statt. Es sei denn, jemand wie Thomas Helmer wechselt komplett in dieses Genre.
 
sj: Ist es nicht auch schwer, Fachwissen verständlich genug rüberzubringen, ohne zu sehr ins Fachspezifische abzudriften und die Zuschauer damit zu überfordern?
 
Nölleke: Ja. Vor allem abseits des Fußballs, bei den sogenannten Randsportarten, ist das Publikum oft sehr gut informiert – oder kommt sogar selbst aus der jeweiligen Szene: Handball, Basketball, Eishockey, Skispringen oder Ski alpin. Denen könnte man durchaus mehr Know-how, mehr Details zumuten. Experten wollen ja auch belegen, warum sie es sind. Aber die breitere Masse wird mit zu viel Insider-Fachkenntnis vermutlich nicht mehr abgeholt. Für die darf und muss es sogar oberflächlicher bleiben. Nicht leicht, beiden Erwartungshaltungen – und dem eigenen Anspruch dazu – gerecht zu werden.    
 
sj: Die Talkrunden wurden zuletzt auch bei den Öffentlich-Rechtlichen immer größer. Verwässern (zu) viele Experten die Sendungen?
 
Nölleke: Das ist Geschmackssache. Ich bin zumindest der Meinung, dass Sendungen nicht zwangsläufig besser werden, je größer die Runde wird. Was ich mich als interessierter Zuschauer aber frage: Wird der Haus-Experte, nehmen wir als Beispiel mal Oliver Kahn, nicht entwertet, wenn neben seinen Kommentaren, seiner Expertise, noch drei, vier andere Meinungen angeboten werden? Ich halte es für sinnvoll, wenn punktuell Experten mit einer spezifischen Expertise zu beispielsweise einem Gegner zu Wort kommen. Aber welche Rolle hat Kahn, wenn man ihm im ZDF mit Holger Stanislawski dauerhaft einen weiteren Experten zur Seite stellt, der das Spiel am Taktikscreen entschlüsselt? Ich glaube, dass es auch für den Zuschauer wichtig ist, einen Experten als Instanz wahrnehmen zu können. Und entwertet man nicht die eine Instanz, wenn man neben ihr viele weitere auftreten lässt?
 
Mit Dr. Daniel Nölleke sprach Frank Schneller


Dieses Interview stammt aus der Ausgabe August 2016 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

13.10.2016






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