Serie „Einsteiger, Aussteiger, Umsteiger“
Dieter Matz: Früher Hamburger Abendblatt, jetzt beim HSV (Foto: Marco Matz)

Umsteiger Dieter Matz – „Es wurde mir zu viel mit dem Gepöbel“

Er war ein erfolgreicher Blogger, nun kümmert er sich um die Helden seiner Jugend. Als HSV-Legendenbetreuer ist der ehemalige Abendblatt-Reporter Dieter Matz seinem Lieblingsklub so nah wie noch nie in seiner beruflichen Laufbahn.

Dieter Matz, geboren am 24. September 1948, ist einer der bekanntesten Fußballjournalisten Deutschlands. Der frühere Verbandsligaspieler und Inhaber einer Trainer-B-Lizenz war 66 Mal beim „Doppelpass“ und in über 100 weiteren TV-Sendungen. Matz, zwei Söhne und eine Tochter, begann seine Laufbahn als Journalist 1980 bei einer Lokalzeitung im südlichen Hamburger Speckgürtel. Von 1983 bis 2008 war er in der Sportredaktion des Abendblatts, mit den Schwerpunkten HSV und Nationalmannschaft. Bis 1997 berichtete er zudem über den FC St. Pauli. Den Blog „Matz ab“ betreute er von 2009 bis 2015. Legendär war die Begrüßung: „Moin, moin, liebe Matz-abber“.

sportjournalist: Dieter Matz, Sie haben 35 Jahre als Sportjournalist gearbeitet, nun sind Sie für den Hamburger SV tätig – als Legendenbetreuer. Hört sich interessant an. Was machen Sie genau?

Dieter Matz: Ich kümmere mich um die Berichterstattung über jene HSV-Größen, die Titel, Meisterschaften oder andere Erfolge errungen haben. Das sind Spieler, Trainer und Offizielle. Meine Arbeit begann mit der Meistermannschaft von 1960. Dieses Team mit und um Uwe Seeler (Foto: firo Sportphoto/Augenklick), Gert „Charly“ Dörfel, Horst Schnoor und Jochen Meinke hat den weltweiten Ruhm des HSV damals begründet. Zusammen mit einem Kameramann oder einer -frau besuche ich diese Leute und mache Interviews mit ihnen. Diese Filmbeiträge laufen dann im HSV-TV, im HSV-Museum oder werden auch eines Tages als DVD veröffentlicht. Ich werde auch nach Heimspielen eine Talkrunde mit den Ehemaligen im Stadion machen, die wird in die VIP-Räume übertragen.

sj: Wie ist es zu der Zusammenarbeit gekommen?

Matz: Ich berichte seit dem 1. Juli 1980 über den HSV. Mit der Mannschaft von 1960 kenne ich mich bestens aus, es sind die Helden meiner Jugend. Die HSV-Verantwortlichen haben mich Ende vergangenen Jahres gefragt, ob ich Lust hätte, beim Projekt mitzumachen. Die Idee dazu hatte der HSV schon länger, es fehlte aber einer, der mit den Legenden auch vertraut war.

sj: Das waren dann offenbar Sie.

Matz: So ist es wohl. Mich hat es sehr gefreut, dass es zu dieser Zusammenarbeit mit dem HSV gekommen ist, denn es hieß: „Wir haben nur auf dich gewartet, während deiner Zeit beim Hamburger Abendblatt konntest du es ja leider nicht machen.“

sj: Sie haben nie verhehlt, ein glühender HSV-Fan zu sein. Ist mit dem neuen Job für Sie ein Traum in Erfüllung gegangen?

Matz: Ja, schon. Mein ältester Sohn hat zu mir gesagt: „Ich gratuliere dir, nach 35 Jahren in deinem Traum-Job hast du jetzt den HSV als Arbeitgeber – das ist die Krönung deiner beruflichen Vita.“ Ich möchte aber noch etwas klarstellen: Ich habe niemals den HSV geschont, sondern immer kritisiert, wenn es nötig war. Wichtig waren mir die Worte meines ersten Chefredakteurs. Der hat mir klar gemacht: „Wenn du mit etwas sympathisierst, dann musst du immer darauf achten, dass du berichtest, was Sache ist. Daran habe ich mich gehalten.“

sj: Wie sind Sie eigentlich zum HSV-Fan geworden?

Matz: Ich habe 1958 mein erstes Spiel live im Stadion gesehen, als ich zehn Jahre alt war. Die beiden Söhne meines Onkels wollten nicht mit, aber ich. Der HSV hat in der Oberliga Nord bei Bergedorf 85 nach 0:1-Halbzeitrückstand noch 4:1 gewonnen. Mir hat das alles als lütten Buttscher imponiert und unglaublich viel Spaß gemacht, es war um mich geschehen.

sj: Bevor Sie beim HSV angeheuert haben, waren Sie ein erfolgreicher Blogger. Warum haben Sie mit „Matz ab“ Ende 2015 aufgehört?

Matz: Ich habe den mündlich geschlossenen Vertrag mit dem Hamburger Abendblatt gekündigt, weil es mir zu viel mit dem Gepöbel einiger User wurde. Ich wurde bis ins kleinste Detail verfolgt und beleidigt (sportjournalist 9/2015). Beschimpfungen der untersten Schublade waren an der Tagesordnung. Das wollte ich mir nicht mehr antun.

sj: Konnten Sie gegen die so genannten „Trolle“ nichts ausrichten?

Matz: Leider nicht. Die haben natürlich anonym gegen mich gehetzt. Ich habe dreimal versucht, Strafanzeigen zu erstatten, das hat aber nichts gebracht. Es gibt ganz sicher mehr nette als schlechte Leute in diesem Blog, aber die schlechten hängen dir in den Klamotten.

sj: Der große Zuspruch war für Sie kein Grund weiterzumachen? Es fanden „Matz ab“-Treffen statt, der Verlag stellte Ihnen sogar Autogrammkarten, es gibt Aufkleber und Buttons, auch einen Fan-Club.

Matz: Als der Blog im Januar 2009 gestartet wurde, gab es Zweifel, ob das klappt. Doch „Matz ab“ ist durch die Decke marschiert. Wir hatten zweimal fast 20 Millionen Klicks im Jahr, laut Springer ist es der erfolgreichste Fußballblog in Deutschland. Ich wollte von den Zahlen nie etwas wissen, ich bin keine Quotensau. Du machst dich kaputt, wenn du auf die Klicks guckst. Ich hätte aber, ganz ehrlich, auf den Blog liebend gerne verzichtet und wäre lieber bis zum Ende als Redakteur in der Sportredaktion geblieben.

sj: Sind Sie gar nicht mehr als Autor aktiv?

Matz: Doch, ich schreibe Bücher. Zusammen mit Alexander Laux und Roman Köster arbeite ich an einem Buch über Uwe Seeler, der am 5. November 80 Jahre alt wird. Bei einem anderen Projekt geht es um die Sachen, die ich erlebt, aber nie aufgeschrieben habe. Das wird im Herbst fertig, zudem sind schon zwei weitere Bücher geplant. So bald will ich nicht aufhören, ich habe noch viel vor.

Mit Dieter Matz sprach Clemens Gerlach

Dieses Interview stammt aus der September-Ausgabe des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

01.11.2016






« zurück