Serie „Einsteiger, Aussteiger, Umsteiger“
Skipiste im Gegenlicht (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Umsteigerin Alexandra Grauvogl – „Es zieht mich Richtung Berge“

Alexandra Grauvogl war eine erfolgreiche Wintersportlerin. Inzwischen ist sie Journalistin – und Schnee und Eis treu geblieben.

Alexandra Grauvogl, 34, gehörte von 1998 bis 2003 dem deutschen Ski-alpin-Kader an. Nach einer schweren Verletzung wechselte sie zum Skicross, wo sie 2007 während ihres Studiums der Kommunikationswissenschaften in Madonna di Campiglio hinter den Französinnen Ophélie David und Méryll Boulangeat WM-Bronze gewann. Von 2008 bis 2011 war Grauvogl (Foto: privat) als Sportsoldatin erneut hauptberuflich Leistungssportlerin. Die Olympischen Spiele in Vancouver verpasste sie aufgrund eines Kreuzbandrisses, 2011 beendete sie ihre Karriere. Die Tegernseerin volontierte an der Axel-Springer-Akademie und ist seit 2014 Redakteurin bei Welt Edition in Berlin.

sportjournalist: Frau Grauvogl, Berlins höchste natürliche Erhebung ist knapp 120 Meter hoch. Fehlen Ihnen die Berge?

Alexandra Grauvogl: Meine Karriere hat mit der Aussortierung nach dem dritten Kreuzbandriss nicht wie erhofft geendet. Deshalb habe ich Berlin anfangs bewusst gewählt, weil ich erst einmal nichts mehr vom Winter und den Bergen sehen wollte. Im Münchner Raum kriegt man den Wintersport viel mehr mit. Aber der Wunsch nach Abstand hat sich schnell gelegt, meine Heimat fehlt mir sehr. An langen Wochenenden zieht es mich Richtung Berge. Wenn man dort aufgewachsen ist, geht es ohne einfach nicht.

sj: Fahren Sie noch Ski?

Grauvogl: Ja, aber mehr als zehn Tage pro Winter sind es nicht mehr. Vergangenen Winter bin ich gar nicht gefahren, weil ich in Australien im Auslandsbüro war. Das war der erste Winter in meinem Leben ohne Skier.

sj: Wie viel Sportler bleibt man, nachdem man im Zielraum auf die andere Seite gewechselt ist?

Grauvogl: Ich muss mich wahrscheinlich mehr als andere Kollegen überwinden, nach einem schlechten Wettkampf hart auf einen Athleten zuzugehen und unangenehme Fragen zu stellen. Jemand, der das nicht selbst erlebt hat, tut sich da weniger schwer.

sj: Wie war es am Anfang Ihrer journalistischen Tätigkeit?

Grauvogl: Da war es auch oft so, dass ehemalige Kollegen aus dem Nähkästchen geplaudert haben und ihnen erst danach aufgefallen ist, dass sie ja nicht mit Alex, sondern mit der Journalistin Alex sprechen. Bei denen, mit denen ich noch zusammen gefahren bin, wird das auch immer so bleiben. Aber insgesamt wird es seltener, weil ich viele Aktive schon gar nicht mehr persönlich kenne (Foto: firo Sportphoto/Augenklick).

sj: Jeder Athlet ist irgendwann von Medienvertretern genervt. Können Sie die Kollegen heute besser verstehen?

Grauvogl: Ich versuche es anders zu machen, als es mich damals genervt hat. Aber es ist gar nicht so einfach, wenn ich einen O-Ton brauche, derjenige aber nicht gut drauf ist. Ich habe keine allgemeine Richtlinie gefunden, wie man sich da am besten verhält. Aber ich kann mich als Ehemalige immer noch ein bisschen besser einfühlen.

sj: Hatten Sie durch Ihre aktive Laufbahn Vorteile beim Berufseinstieg?

Grauvogl: Man kann keine bessere Fachexpertise haben. Ich weiß, wie die Dinge hinter den Kulissen laufen. Das ist ein Blick, den sich ein Einsteiger erst erarbeiten muss. Man weiß, welche Leute man ansprechen kann und welche man ansprechen muss.

sj: Wie ist es, über die eigene Sportart zu schreiben?

Grauvogl: Ich habe anfangs nichts kommentiert, obwohl ich darum gebeten wurde – wenn es um Streitereien oder irgendwelche Verbandsthemen ging. Ich habe lieber neutral über meine Ex-Kollegen berichtet. Das ist jetzt anders.

sj: Wie haben Sie die Umstellung von objektiver Bewertung im Leistungssport auf subjektive Bewertung im Journalismus erlebt?

Grauvogl: Der Unterschied ist gar nicht so groß. Auch im Journalismus gibt es bestimmte Kriterien, mit denen man auf der sicheren Spur ist. Wenn es um die Beurteilung der Schreibe geht, ist es subjektiver. Aber auch im Sport gibt es nicht nur objektive Kriterien. Ich sehe eher eine große Gemeinsamkeit: Im Sport wie im Journalismus muss man seinen eigenen Weg suchen, weil hier wie dort niemand alles kann. Was mir als ehemalige Aktive hilft, ist, dass ich gelernt habe, punktgenau abzuliefern.

Mit Alexandra Grauvogl sprach Katrin Freiburghaus

Dieses Interview stammt aus der Ausgabe November 2016 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

28.12.2016






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