Serie „Einsteiger, Aussteiger, Umsteiger“
Tobias Barnerssoi (r.) im Einsatz bei einem Skirennen (Foto: ARD)

Umsteiger Tobias Barnerssoi – „Ich hatte keine Ahnung!“

Er war Skirennfahrer und wollte sich eigentlich nach der aktiven Karriere um die Athletenvermarktung kümmern. Doch gelandet ist Tobias Barnerssoi im Journalismus. Für den 47-Jährigen war das ein Glücksfall.

Tobias Barnerssoi, 47, begann sein Studium der Sportökonomie in Bayreuth noch während seiner Karriere als Skirennläufer. Seit seinem ersten Praktikum beim BR-Hörfunk ist der ehemalige Athletensprecher des Deutschen Skiverbandes nicht mehr vom Sportjournalismus losgekommen. Er kommentiert, moderiert und produziert als fester Freier für den BR und die ARD.

sportjournalist: Tobias Barnerssoi, war es Ihr Plan, irgendwann die Seiten zu wechseln?

Tobias Barnerssoi: Das wird irgendwann zwangsläufig nötig, aber mein Berufsziel war das Management, also die Vermarktung von Sportlern. Gerd Rubenbauer hatte mir in Lillehammer 1994 zwar gesagt, ich solle mich nach meiner aktiven Zeit bei ihm melden, aber damals dachte ich nicht, dass er das ernst gemeint hätte (Foto: privat).

sj: Wer hat Sie von Ihrem Plan abgehalten?

Barnerssoi: Letztlich Werner Rabe und Rubi. Ich war Praktikant in der Sportredaktion beim Hörfunk des BR, aber nicht, weil ich da an Rubi gedacht hätte, sondern einfach so. Rabe sagte dann: „Hospitieren Sie bitte auch beim Fernsehen“. Dort traf ich Rubi – und der schnappte mich und machte mich zu seinem Assistenten.

sj: Verdanken Sie den nahtlosen Übergang vom Aktiven zum Journalisten Ihrem Know-how?

Barnerssoi: Das war ganz klar der Deal. Rubi hat mich bei allem über die Schulter schauen lassen, und als Gegenleistung musste ich das Material zu den aktuellen Skirennfahrern besorgen. Ich war als sein Assistent für die Informationen zuständig und genoss dadurch einen Sonderstatus, den andere Berufsanfänger nicht haben: Ich hatte eine feste Aufgabe.

sj: Hatten Sie Vorkenntnisse?

Barnerssoi: Ich hatte keine Ahnung! Und ich behaupte, dass ich damit nicht allein war. Sowohl Journalisten als auch Sportler wissen vom jeweils anderen nicht, was hinter seinem Job steckt. Als Sportler war ich mir sicher, zu wissen, wie das läuft: Die kommen nach dem Rennen her, führen Interviews und am Abend läuft ein schöner Film – das kann ja nicht so schwer sein. Als ich verstanden habe, was Fernsehen bedeutet, habe ich eine ganz andere Sicht auf die Dinge bekommen (Karikatur: Peter Zipfel).

sj: Haben Sie auch in anderen Sportarten Vorteile durch Ihre Vergangenheit als Leistungssportler?

Barnerssoi: Eben diesen Einblick in ein Leben als Profisportler. Beim Eishockey haben mich Coaches auch kurz vor dem Spiel noch mit der kleinen Kamera in die Kabine gelassen, weil sie mir zugetraut haben, dass ich richtig einschätze, ob ein Spieler etwas vertragen kann oder nicht. Dadurch habe ich unmittelbar vor dem Match Bilder bekommen, die sonst keiner bekommen hat.

sj: Viele Ihrer ehemaligen Kollegen arbeiten als Experten, war das eine Option?

Barnerssoi: Nein, ich wollte Journalist sein. Das ZDF hatte mir ein Angebot gemacht, aber dann hätte ich ein paar Jahre Geld verdient, wäre aber immer nur ehemaliger Rennläufer gewesen. Und da ich keine Medaille und nie einen Weltcup gewonnen hatte, war das auf Dauer zu wenig für echte Autorität als Experte. Deshalb wollte ich den Beruf von Grund auf lernen.

sj: Stimmt es, dass Ihre ersten eigenständig produzierten Beiträge gar keine Alpin-Themen waren?

Barnerssoi: Selbstständig angefangen habe ich im Langlauf. Diese Karriereplanung hat Rubi für mich gemacht, weil er sagte: „Im Ski alpin glaubt dir jeder, dass du dich auskennst, aber da nimmt dich keiner als Journalist wahr“. Im Alpin-Fach wäre ich bis heute kein Journalist.

sj: Mittlerweile sind Sie zweiter Kommentator für Ski alpin und machen Kamerafahrten. Macht es noch Spaß, auf den Brettern zu stehen?

Barnerssoi: Es ist eine große Herausorderung, wieder beruflich fahren zu können. Darauf bereite ich mich im Sommer auch tatsächlich intensiv im Kraftraum vor, denn sonst sind diese Strecken zu gefährlich.

sj: Wie nah sind Sie Ihrem Sport darüber hinaus noch?

Barnerssoi: Persönlich hat er mich geprägt. Aber dienstlich verstehe ich mich als kritischer Journalist. Gerade im alpinen Bereich kann mir keiner ein X für ein U vormachen – und diesen Status verstecke ich nicht, sondern nutze ihn, um nachzuhaken.

Mit Tobias Barnerssoi sprach Katrin Freiburghaus

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe April 2017 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

01.06.2017






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