Kicker.de-Chef Alexander Wagner im Interview – Teil II
Alexander Wagner (Foto: Kicker)

„Roboterjournalismus sehe ich sehr kritisch“

Kicker.de ist erfolgreich. Doch Alexander Wagner, als Leiter Digital Mitglied der vierköpfigen Chefredaktion, sieht wachsende Herausforderungen für Medienleute, auch durch Roboterjournalismus. Zudem spricht er im sportjournalist-Interview über schwierige Finanzierung und öffentlich-rechtliche Sender als Hemmnis.

Im ersten Teil des zweiteiligen Interviews mit Alexander Wagner ging es um den radikalen Wandel der Gesellschaft. Der 50-Jährige sprach zudem über die Chancen und Gefahren von Social Media.

sportjournalist: Alexander Wagner, wie auch die anderen Medienhäuser müssen Sie sich großen Herausforderungen stellen. Stichwort Fake News. Wie sehen Sie es?

Alexander Wagner: Fake News sind in der Tat ein Problem. Mit Fake News haben Soziale Medien ein größeres Problem als die klassischen. Wir verwenden bei Kicker.de viel Energie darauf, Falschmeldungen zu vermeiden und fragen uns bei allen Informationen, ob die Quellen tatsächlich vertrauenswürdig sind und recherchieren selbstverständlich selbst.
 
sj: Klingt gut. Klappt das auch in der Praxis?

Wagner: Gerade weil wegen der Digitalisierung und dem Zeitdruck die große Gefahr besteht, Fehler zu machen, müssen wir sehr genau arbeiten. Glaubwürdigkeit, Seriosität und Verlässlichkeit gehörten schon immer zum Markenkern des Kicker. Wir wollen saubere Informationen liefern und nicht nicht unbedingt die schnellsten sein. Darum verzichten wir oftmals ganz bewusst auf die schnelle Zeile. Rückblickend ist Kicker.de nie den Klicks hinterhergerannt.
 
sj: Sie erzielen 90 Prozent Ihrer Visits mobil. Was bedeutet das für die Art Ihres Angebotes?
 
Wagner: Mobil spielt der Live-Bereich eine noch größere Rolle
als schon beim stationären Internet. Deshalb bauen wir die Live-Berichterstattung sukzessive weiter aus. Übrigens nicht nur im Fußball, sondern auch in vielen weiteren Sportarten.
 
sj: Besonders flott sind die Live-Ticker bei Kicker.de nicht. Da bieten zum Beispiel die 11Freunde mehr Abwechslung.
 
Wagner: Wir sind ein Sportportal. Im Mittelpunkt steht, was auf dem Spielfeld und im Stadion passiert und nicht das Drumherum. Der fachliche Aspekt zählt. Wir haben uns von Anfang an auf den Sport konzentriert und sind konsequent diesen Weg gegangen. Der Erfolg gibt uns dabei Recht.
 
sj: Welchen Weg gehen Sie in der Zukunft? Sehen Sie klare Trends?
 
Wagner: Virtual und Augmented Reality (virtuelle und erweiterte Realität; die Red.) sind ein sehr interessantes Feld. Da müssen wir herausfinden, wie wir diese neuen Techniken sinnvoll nutzen können. Spannend sind auch die digitalen Assistenten wie Amazons Alexa, Apples Siri oder Google Home. Künstliche Intelligenz, die auch noch dazulernen kann. Diese Dienste werden schnell voranschreiten.
 
sj: Das klingt nicht sehr ermutigend für Journalisten. Sind die bald überflüssig?

Wagner: Nein, ganz im Gegenteil. Roboterjournalismus ist bei Börsennachrichten zwar schon weit verbreitet und wird auch im Sport zunehmend genutzt werden. Das sehe ich jedoch sehr kritisch. Die Beschaffung von Informationen sowie die Auswahl und Bewertung von Themen sind originäre journalistische Aufgaben. Diese werden an Bedeutung gewinnen, gerade aus Gründen der Seriosität und Glaubwürdigkeit (Foto: Screenshot Kicker.de).

sj: Bleibt die Frage, wer den Online-Journalismus bezahlen soll. Haben Sie eine Lösung?
 
Wagner: Paid Content zu etablieren, also digitale Vertriebserlöse zu generieren, ist ein Ziel. Doch ich glaube eher daran, digitale Ausgaben von Magazinen zu verkaufen als an eine Paywall. In Deutschland gibt es sehr viele, sehr umfangreiche öffentlich-rechtliche Angebote, deren Digital-Plattformen durch die Haushaltsbeiträge finanziert werden und entsprechend kostenfreie Inhalte anbieten. Das ist ein großes Hemmnis für alle journalistischen Portale, die auf kostenpflichtige Modelle setzen möchten. Die Bereitschaft bei Usern, zusätzlich für News zu zahlen, ist nicht sehr ausgeprägt. Unsere digitalen Angebote sind derzeit weitgehend werbefinanziert, was bei uns auch gut funktioniert.
 
sj: In den USA laufen kostenpflichtige Fantasy Leagues sehr gut. Diese Deluxe-Managerspiele sind den Fans offenbar etwas wert. Kann das auch hierzulande klappen?

Wagner: Unser 1991 gegründetes Managerspiel ist seit 1997 digital verankert und wird permanent weiterentwickelt. Fantasy Leagues sehe ich daher auch als Chance für die Zukunft. Ebenfalls sehr spannend sind die rasanten Entwicklungen im Bereich E-Sport, den wir schon seit 2013 mit einem eigenen Channel begleiten.

Mit Alexander Wagner sprach Clemens Gerlach

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe August/September 2017 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

22.08.2017






« zurück
Magazin sportjournalist
Die aktuelle Ausgabe:
Oktober/November 2020

Titelthema

Die Monokultur bricht auf: Über den korrekten Umgang mit Minderheiten im Sportjournalismus
Von Christoph Ruf

Interview
mit Andreas von Thien, Sportchef bei RTL: „Sympathisch zu sein reicht nicht“
Von Thomas Nowag

Service
Presseausweis 2021: Jetzt beantragen!

Weitere Informationen
Regionalvereine