Gladbach-Mediendirektor Markus Aretz im Interview – Teil II
Markus Aretz (r.) und der damalige Gladbacher Trainer André Schubert (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

„Die Fußballprofis sind vorsichtiger geworden“

Seit 1999 leitet Markus Aretz Borussia Mönchengladbachs Medienabteilung, er ist länger dabei als jeder andere seiner Bundesliga-Kollegen. Im sportjournalist-Interview spricht der Kommunikationsdirektor, Jahrgang 1966, über angeblich „weichgespülte“ Fußballer und ganz abgezockte Zeitgenossen.

Im ersten Teil des dreiteiligen Interviews mit Markus Aretz ging es um seine Anfänge bei Borussia Mönchengladbach und welche VfL-Spieler so intelligent waren, dass sie sich quasi als Interviewpartner aufdrängten.

sportjournalist: Markus Aretz, Sie starteten Ihre Borussen-Karriere als Fan. Wie ändert sich die Wahrnehmung der Spieler und des Spiels, wenn man selbst zum Verein gehört?

Markus Aretz: Man ist näher dran und muss lernen, seine Emotionen in professionelle Bahnen zu lenken, aber das empfinde ich gar nicht als negativ. Man lernt Spieler und Trainer im Alltag kennen und natürlich sind sie dann nicht mehr die bewunderten Stars, sondern ganz normale Menschen.

sj: Ihr erster Trainer ...

Aretz: ... war Rainer Bonhof. Leider haben wir damals unter ihm die ersten drei Spiele in der neuen Zweitliga-Saison verloren und er wurde durch Hans Meyer ersetzt. Die Zeit mit Hans war sehr spannend und hat meine Arbeit sehr geprägt. Hans war – und ist – ein sehr streitbarer Typ, mit dem man aber ebenso viel Spaß haben kann. Besonders sein Umgang mit Spielern und Mitarbeitern hat mir sehr gefallen. Er hatte einen klaren Plan und arbeitete mit sehr viel Disziplin, hatte gleichzeitig aber auch den nötigen geistigen Abstand, um sich in diesem Job nicht verrückt machen zu lassen. Gegenüber den Medien war er sehr offen, ging aber auch keinem Disput aus dem Weg. Damit hat er mir durchaus Arbeit gemacht.

sj: Sie arbeiten seit 18 Jahren mit Medienvertretern zusammen. Gibt es etwas, dass Sie am heutigen Arbeiten der Journalisten stört?

Aretz: Weil heute die Konkurrenz größer und vielfältiger ist und die Geschwindigkeit, mit der eine Nachricht verbreitet wird, häufig entscheidender ist als deren Inhalt, bleibt eine vernünftige Recherche manchmal auf der Strecke. Da wird dann erst etwas veröffentlicht und dann mit den Vereinen oder den Spielern Kontakt aufgenommen. Da würde ich mir manchmal mehr Gewissenhaftigkeit wünschen.

sj: Liverpool-Trainer Jürgen Klopp verkündete unlängst, der in Liverpool verhassten Zeitung The Sun keine Interviews mehr geben zu wollen. Haben Sie jemals Medien auf den Index setzen lassen?

Aretz: Nein, und ich halte umgekehrt auch nichts von der Bevorzugung einzelner Medien durch gezielte Informationsweitergabe. Man sollte alle Medien und Medienvertreter so gut es geht gleich behandeln, denn auf Dauer führt es zu Problemen, wenn man einzelne Journalisten oder Medienhäuser bevorzugt. Was nicht heißt, dass es auch mal krachen kann zwischen Presseabteilung und Presse.

sj: Sie können es am ehesten beurteilen – sind Profifußballer der Gegenwart so „weichgespült“ wie es ihnen häufig im Umgang mit Medien vorgeworfen wird?

Aretz: Nein, und dieser Vorwurf geht mir auch ziemlich auf die Nerven. Die Erweiterung der klassischen Medien in Kombination mit den Sozialen Medien bedeutet nun mal, dass die Spieler wesentlich mehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen als noch vor 20 Jahren. Die meisten Profis lernen schon in der Jugend den Umgang mit Medien kennen. Sie sind vorsichtiger geworden, weil sie die Prozesse besser kennen als ihre Vorgänger. Dass sie dadurch etwas unfreier sind, ist der Preis, den sie für ihre Prominenz zahlen müssen. Mit „weichgespült“ hat das aber nichts zu tun (Foto Markus Aretz: firo sportphoto/Augenklick).

sj: Der ehemalige Gladbacher Spieler Max Kruse war einer, der diese Vorsicht nicht zu kennen schien.

Aretz: Das ist wahr, Max war vieles einfach relativ egal. Aber das bezog sich lediglich auf seine Wirkung in der Öffentlichkeit. Als Profi hat er sich immer vorbildlich verhalten, er war immer professionell. Und was sein großes Hobby betrifft, das Pokern: Da war uns immer nur wichtig, dass er den Verein über alles informiert hat. Es ist auch vorgekommen, dass er Termine abgesagt hat, weil sie aus Sicht des Klubs nicht gepasst haben. Ganz entscheidend ist, dass man als Klub seine Spieler richtig einschätzt, manche brauchen eben größere Freiheiten, um ihre Leistung zu bringen und sich wohl zu fühlen.

Mit Markus Aretz sprach Alex Raack. Lesen Sie im dritten und letzten Teil des Interviews, weshalb Markus Aretz keine Konkurrenz zwischen Vereinsmedien und externen Medien sieht.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe August/September 2017 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

25.09.2017






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