Spiegel-Redakteure Wulzinger und Buschmann im Interview – Teil III
Michael Wulzinger (l.) und Rafael Buschmann (Foto: Spiegel)

„Sehr mächtige Leute mit wenig Skrupel“

Mit den „Football Leaks“ waren etliche Enthüllungen verbunden. Im dritten und letzten Teil des sportjournalist-Interviews erklären die Spiegel-Redakteure Michael Wulzinger (52) und Rafael Buschmann (35), warum es wichtig war, über all dem Aufdeckungseifer nicht die eigene Sicherheit zu vernachlässigen.

Im ersten Teil des dreiteiligen Interviews mit Michael Wulzinger und Rafael Buschmann ging es um die Anfänge der Recherche. Alles begann mit einer E-Mail an einen unbekannten Adressaten. Der zweite Teil widmete sich unter anderem der Thematik, welch umfangreiche technischen und personellen Strukturen notwendig waren, um den gigantischen Datenmengen Herr zu werden.

sportjournalist: Michael Wulzinger und Rafael Buschmann, wie sah die Arbeit an den Dokumenten genau aus?

Michael Wulzinger: Wir organisierten uns einen eigenen Raum, in den nur eine begrenzte Zahl an Spiegel-Mitarbeitern Zutritt hatte. Einen Server, der speziell geschützt ist und nicht an den Redaktionsserver gekoppelt ist. Wir holten uns Spezialisten dazu, IT-Fachleute, einen Datenjournalisten, Wirtschafts- und Steuerexperten, natürlich auch rechtlichen Beistand und die Meinung der Chefredaktion. Zudem kommunizierten wir über eine verschlüsselte Plattform mit unseren Partnern von der EIC (European Investigative Collaboration, die Red.) und tauschten uns dort über unsere Funde aus.

Rafael Buschmann: Dass es so intensiv zugehen würde, hätte vermutlich keiner erwartet. Oft saßen wir von morgens bis nach Mitternacht zusammen und versuchten, die Puzzleteile zusammenzulegen. Jedes wichtige Dokument musste geprüft und nachverfolgt werden, jede Überweisung, jede Briefkastenfirma, alles. Und währenddessen stand ich ja weiterhin mit John in Kontakt. Wir sahen uns regelmäßig und ich lernte ihn immer besser kennen. Johns Gemütszustand änderte sich in dieser Zeit häufiger, er war nicht mehr so cool wie am Anfang. Stattdessen wirkte er häufig hin- und hergerissen zwischen dem Dasein als Robin Hood des Fußballs und dem immensen Druck, der auf ihm lag.

Wulzinger: Außerdem muss ein Whistleblower wie er höllisch aufpassen, schließlich haben er und seine möglichen „Football Leaks“-Mitstreiter sich mit sehr mächtigen Leuten angelegt, die wenig Skrupel haben. Das zeigen die Akten auch sehr deutlich. Unter anderem konnte John dort sehen, dass er von ehemaligen englischen Elitesoldaten und russischen Detektiven aus dem Mafia-Umfeld gejagt wurde.

sj: Bei aller journalistischen Freude über die große Story – wie sehr widerte Sie der Inhalt der Dokumente an?

Buschmann: Als Reporter fällt es ja ohnehin schwer, weiterhin Fan des Profisports zu bleiben. Man sieht und erlebt einfach zu viel in dieser Branche, und das Spiel abseits des Platzes hat nahezu nichts mit den Werten des Sports zu tun. Die „Football Leaks“ haben aber noch eine zusätzliche Ebene.

sj: Welche meinen Sie?

Buschmann: Durch die Dokumente wird eben aus der bösen Ahnung eine unausweichliche Realität. Man kann schwarz auf weiß lesen, wie auch die Größen dieses Sports wie Cristiano Ronaldo oder die Berater Mino Raiola und Jorge Mendes teilweise Geschäfte abwickeln, bei denen jeder Steuerfahnder oder Polizist zucken würde. Dazu fanden wir in den Dokumenten mit der hoch dubiosen Firma Doyen Sports ein Investorenkonstrukt, dass wir so zuvor noch gar nicht auf dem Schirm hatten und deren Verästelungen bis tief in die Spitzenpolitik aber auch in die Unterwelt hineinreichten. Wie sehr die Mächtigen dieses Sports darauf bedacht sind, die Steuer auszutricksen oder ihre Geldflüsse zu verschleiern, ist in der Tat abstoßend.

sj: Haben Sie nicht auch Angst um Ihre eigene Sicherheit?

Buschmann: Diese Gedanken sollte man in der investigativen Arbeit nicht zu groß werden lassen, sie lähmen einen sonst und das hilft nur wenig. Ich treffe meine Sicherheitsvorkehrungen wie jeder andere investigative Journalist es auch tut und bin mir bewusst, mit welchen Menschen ich es in diesen Themenfeldern zu tun habe.

Mit Michael Wulzinger und Rafael Buschmann sprach Alex Raack

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Oktober/November 2017 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

17.12.2017






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