Umsteiger Niklas Schenck im Interview – Teil II
Niklas Schenck (Foto: Venia Peuker/www.veniapeuker.de)

„Wir haben natürlich keine Waffen“

In Afghanistan zu leben ist nicht ohne Risiko. Im zweiten Teil des dreiteiligen Interviews erklärt Niklas Schenck, welche Vorsichtsmaßnahmen seine Frau und er in Kabul ergriffen haben und was ihm ein junger Exil-Afghane über Hamburg beigebracht hat.

Er war ein preisgekrönter Sportjournalist. Doch mittlerweile ist Niklas Schenck in anderen Medienbereichen aktiv. Pharma-Skandale, Geheimdienste oder Kriegsgräuel sind zum Beispiel die Themen des Investigativspezialisten, der unter anderem Geographie und Umweltgeochemie studierte. Eine besondere Beziehung hat Schenck, Jahrgang 1983, zu Afghanistan entwickelt. Kabul ist neben Hamburg sein zweiter Lebens- und Arbeitsmittelpunkt geworden. Im ersten Teil des dreiteiligen Interviews mit Niklas Schenck ging es um die Gründe für seinen Ausstieg aus dem Sportjournalismus und warum er nach Afghanistan gegangen ist.

sportjournalist: Niklas Schenck, Ihr Film „True warriors“, der im November anlief, handelt von einer Kabuler Schauspielergruppe, die ein Theaterstück über Selbstmordanschläge aufführt. Bei der Premiere kam es zu solch einem Attentat. Wie schwer war es, bei dieser Thematik nicht in Fatalistische beziehungsweise Melodramatische abzudriften?

Niklas Schenck: Meine Frau Ronja von Wurmb-Seibel, die ebenfalls Journalistin ist, und ich haben versucht, genau zuzuhören. Ich glaube, dass das der Schlüssel ­war – die Schauspieler, die damals angegriffen wurden, erzählen ihre Geschichte, und wir räumen für sie die Bühne frei. Es ist ein sehr reduzierter Film, über weite Strecken erzählen die Protagonisten ganz einfach im On. Weil sie dabei direkt in die Kamera schauen, wird es für die Zuschauer nicht langweilig. Im Gegenteil – einige Zuschauer haben von „verfilmter Psychotherapie“ gesprochen, „nur viel, viel spannender“. Ich hoffe, dass es bei uns Bilder von Gesichtern sind, in und aus denen man ganz viel mitlesen kann.

sj: Viele Menschen waren noch nie in Kabul oder Afghanistan, haben aber die feste Vorstellung, dass es dort nur Tod und Verwüstung gibt. Was sagen Sie diesen Leuten?

Schenck: Schaut unseren Film an! Er erzählt von der Kraft der Kunst und der Freundschaft, von Leuten, die alles riskieren, damit sich ihr Land von innen verändert und von außen wieder anders gesehen wird. Ich bin übrigens in Kabul ganz oft beim Sport hängengeblieben – Cricket vor der Palastruine, eine Turnhalle in Kellerräumen, das Skirennen in Bamyan, ein berühmter Boxer oder die ersten Radrennfahrer. Aber es stehen natürlich andere Geschichten im Vordergrund. Ich wollte mich mit dem Alltag in einem Kriegsgebiet auseinandersetzen – weder ausschließlich mit den Exoten, noch vorrangig mit dem Kriegsgeschehen selbst.

sj: Wie hat sich das Land in den vier Jahren seit Ihrem ersten Besuch verändert?

Schenck: Afghanistan ist allein in dieser kurzen Zeit noch deutlich gefährlicher geworden. In fast allen der 34 Provinzen gibt es Gefechte mit den Taliban. Im ganzen Land steigen die Zahlen der getöteten Zivilisten, auch wenn unser Innenminister anderes erzählt. Mitarbeiter internationaler Organisationen durften damals noch ihre hochgesicherten Compounds verlassen. Sie konnten in Restaurants gehen und sich mit Afghanen treffen, etwa an dem Ort, an dem der Anschlag passierte, um den sich unser Film dreht. Heute dürfen sie das kaum noch.

sj: Welche Vorsichtsmaßnahmen haben Sie in Kabul ergriffen?

Schenck: Meine Frau und ich haben die Sprache gelernt und uns nicht in gepanzerten Wagen fortbewegt, weil wir die für fahrende Zielscheiben halten. So konnten wir uns recht frei bewegen. Und auch wenn Soldaten und Diplomaten das manchmal kaum fassen können – wir haben natürlich keine Waffen (Foto Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck: privat).

sj: Inwiefern hat sich Ihr Blick auf Hamburg und Kabul verändert? Gibt es Gemeinsamkeiten?

Schenck: Ich liebe beide Städte. Wenn wir aus Kabul zurückkommen, gehen wir erst einmal lange spazieren, im Wald oder um die Alster. Da sind wir in Kabul viel eingeschränkter. Wenn wir nach Kabul kommen, treffen wir Freunde und essen ausgiebig zusammen, mit einer Regelmäßigkeit und Ausdauer, die sich hier im Alltag auch kaum durchhalten lässt. Meine Frau und ich sind inzwischen Pflegeeltern eines jungen Mannes, den wir aus Kabul kannten und der sich 2015 als 16-Jähriger allein nach Europa durchgeschlagen hat. Er zeigt uns ganz neue Seiten an Hamburg. Wir kennen jetzt den afghanischen Bäcker, die besten afghanischen Restaurants, wir wissen, was Hamburger Deutschrapper so von sich geben. Langsam wachsen beide Städte für uns zusammen – wenigstens im Herzen.

Mit Niklas Schenck sprach Clemens Gerlach. Lesen Sie im dritten und letzten Teil des dreiteiligen Interviews, wie er mit anderen Investigativkollegen einem der größten Medizinskandale der jüngsten Vergangenheit auf die Spur kam.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Dezember 2017/Januar 2018 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

16.01.2018






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