ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky im Interview – Teil IV
ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky (Foto: NDR/Marcus Kru?ger)

„Die Gefahr weiterer Zerstückelung ist da“

Die Sportschau ist eine Institution, allerdings eine bedrohte. ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky, 55, erklärt im letzten Teil des vierteiligen sportjournalist-Interviews, welche Gefahren er für die traditionsreiche Sendung sieht und warum seiner Meinung nach Investitionen in den neuen Uefa-Wettbewerb Nations League sinnvoll sind.

Im ersten Teil des vierteiligen Interviews mit Axel Balkausky ging es um die Folgen für die ARD durch die Tatsache, dass Eurosport die Olympia-Rechte hält und deshalb weniger Akkreditierungen zur Verfügung stehen. Der zweite Teil widmete sich unter anderem der Thematik, wie die ARD eine IOC-kritische Berichterstattung sicherstellen will und warum TV-Experten für den Sender so wichtig sind. Im dritten Teil wurden die Gründe für die Trennung vom langjährigen Fußball-Experten Mehmet Scholl diskutiert und erklärt, warum es ein Fehler ist, dass die Champions League ab 2018 ausschließlich im Pay-TV zu sehen sein wird.

sportjournalist: Axel Balkausky, wie lange kann das jetzige Format der ARD-Sportschau am Samstag durch die zunehmende Zerstückelung der Bundesliga-Spieltage noch aufrechterhalten werden?

Axel Balkausky: Es ist der Punkt erreicht, an dem man den Samstag nicht mehr weiter herunterfahren darf. Wenn, wie schon jetzt zuweilen, nur noch vier Spiele stattfinden, dann kippt es, da bin ich ganz klar und eindeutig. Sonst geht gelebte Tradition verloren. Wir haben beispielsweise jeden Samstag immer noch im Schnitt bis zu 200.000 Kinder, die die Sportschau gucken (Foto Einlaufkinder beim Hamburger SV: firo sportphoto/Augenklick). Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem man das nicht mehr weiter auseinanderziehen darf. Sonst ist die Sportschau irgendwann obsolet, und dann werden die Zuschauer das auch nicht mehr akzeptieren, da bin ich sicher.

sj: Wie wahrscheinlich ist eine weitere Zerstückelung aus Ihrer Sicht?

Balkausky: Die Gefahr ist da. Aber ich glaube, dass die Bundesligisten die Sportschau nach wie vor als sehr wichtig ansehen. Sie wissen, welchen Wert sie für sie hat. Am Ende wird es auch die Vernunft der Deutschen Fußball Liga und der Vereine sein müssen, die darüber entscheidet. Ich glaube, dass die Bundesliga gut daran tut, sich nicht aus der Gesellschaft zu verabschieden.

sj: Könnte im Zweifelsfall der Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen mehr Gewicht erhalten, so genannte Randsportarten abzubilden?

Balkausky: Dieser Anspruch ist ja sehr deutlich formuliert und wird auch umgesetzt. Eine so große Vielfalt an Sportarten wie in den ARD-Programmen gibt es auf der ganzen Welt nicht. Wir können und werden aber nicht alles live übertragen. Uns stehen für den Sport sechs bis acht Prozent der Programmfläche des Ersten zur Verfügung, der Rest ist für alle anderen Inhalte da. Man muss sich anschauen, wie die Verteilung ist: Wir haben 20 bis knapp 25 Prozent Fußball im Sportprogramm, 35 Prozent sind Wintersport, der Rest ist Sommersport, anderer Ballsport und vieles mehr. Dass 75 bis 80 Prozent keine Fußball-Berichterstattung sind, geht immer unter in der Debatte. Jeder unterstellt uns, wir würden nur Fußball zeigen.

sj: Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Balkausky: Auch daran, weil der Fußball oft zur Primetime läuft. Wir übertragen andere Sportarten sehr viel mehr als viele Menschen wahrnehmen. Wir zeigen beispielsweise in jeder Sportschau am Sonntag ein Handballspiel aus der Bundesliga. Oder im kommenden Jahr wird es die European Championships in Berlin und Glasgow geben, bei denen Europameisterschaften in sieben Sportarten zum selben Zeitpunkt stattfinden. Zentraler inhaltlicher Schwerpunkt wird die Leichtathletik-EM in Berlin sein. Darüber werden ARD und ZDF großflächig berichten. Ähnliches passiert hoffentlich im Jahr 2019 mit einem Wochenende der deutschen Meisterschaften, an dem eine Reihe von Titelkämpfen verschiedener Sportarten parallel an demselben Ort stattfinden sollen. Alle Sportarten gleichermaßen im Ersten zu übertragen, wird uns aber nie gelingen können.

sj: Was entgegnen Sie Kritikern, die ARD und ZDF vorwerfen, mit dem Erwerb der Übertragungsrechte für die UEFA Nations League einen eher fragwürdigen Wettbewerb mitzufinanzieren, der keine große sportliche Bedeutung habe?

Balkausky: Dass die Nations League mit großer Sicherheit mehr sportlichen Wert hat als die meisten Freundschaftsspiele der letzten Zeit, in der regelmäßig die Mannschaften halb ausgetauscht wurden und zum Teil wesentliche Spieler nicht zum Einsatz kamen. Die Turnierform wird alle Mannschaften dazu bringen, mit den besten Teams aufzulaufen. Deswegen finde ich die Investition in die Spiele, die uns eine Präsenz der Nationalmannschaft auch zwischen den Turnieren sichert, richtig und sinnvoll.

Mit Axel Balkausky sprach Maik Rosner. Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Dezember 2017/Januar 2018 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

27.02.2018






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