Talentkritiker.de-Chef Philipp Grabowski im Interview – Teil II
Screenshot der Website (Foto: Talentkritiker.de)

„Eine Nische im überhitzten Medienmarkt“

Für den Fußballnachwuchs hat Philipp Grabowski sehr viel übrig. Mit seiner Website Talentkritiker.de will der Gründer und Chefredakteur beweisen, dass sich heutzutage nicht nur Mainstreammedien halten können. An Krawallberichten hat der 24-Jährige kein Interesse.

Sie ist Newcomer auf dem prosperierenden Markt der Online-­Angebote für jene Fußballfans, die sich über den Mainstream hinaus für Analysen, Statistiken und andere spezielle Inhalte begeistern: die junge Truppe von talentkritiker.de. Gründer und Chefredakteur ist Philipp Grabowski (Foto: privat). Die Hintergründe des Fußballgeschäfts, sagt der 24­-Jährige, hätten ihn stets mehr interessiert als die Spiele selbst. Daraus hat er nun ein Berufsmodell gemacht. Journalistische Erfahrungen sammelte Grabowski bei diversen renommierten Internetplattformen und Printmedien. Zuvor arbeitete er für die DFL Digital Sports GmbH im Bereich Content für bundesliga.de. Im ersten Teil des zweiteiligen Interviews mit Philipp Grabowski ging es um die grundlegenden Prinzipien der Seite. So geht Sorgfalt vor Schnelligkeit.

sportjournalist: Philipp Grabowski, angesichts der kurzen Verweildauer von Nachrichten, gerade auf dem Sektor der Transfer-News: Wie positioniert sich ein Medium, das erklären statt vermelden will, innerhalb der Branche? Werden Sie zitiert?

Philipp Grabowski: Wir konkurrieren nicht mit Medienangeboten, bei denen die Zielgruppe den Wechsel zuerst erfährt. Pressemitteilungen oder Transfermeldungen werden Sie bei unseren Angeboten nicht finden, dort haben andere Vereinsmedien, Newsseiten und Fernsehsender große Marktvorteile und starke Informanten. Wir wollen bewusst der Anlaufpunkt im Anschluss dieser Wechselmeldung sein.

sj: Wie soll das gelingen?

Grabowski: Durch unser europaweites Netzwerk aus Trainern, Scouts, Beratern, Scouting­-Software, Videomaterial und eigene Sichtungen, vor allem im Juniorenbereich, versuchen wir, im inzwischen wirklich überhitzten Medienmarkt eine Nische zu bedienen. Selbstverständlich werden wir hierbei auch gelegentlich zitiert und das ist uns wichtig, da so der potenzielle Leser auf den zweiten Klick aufmerksam wird.

sj: Erleben Sie im Umgang mit Managern, Beratern, Spielern, Trainern usw. eine offenere Haltung, weil Sie eben nicht spekulieren?

Grabowski: In Gesprächen ist der Großteil der Vereinsvertreter begeistert von unserer Herangehensweise. Dennoch liegt es in der Natur der Sache, dass Analysen über Spieler der Medienarbeit von Vereinen nicht immer gelegen kommen. Der Markt begrüßt alle flexiblen Ansätze, innovative Ideen und Authentizität zunächst einmal. Abseits von Kameras und Diktiergeräten gibt es da wenig Konfliktpotential. Und interessante Unterhaltungen. Die Umsetzung jedoch stößt dann nicht selten auf Widerstände oder zumindest Befindlichkeiten, auch Portalen wie unserem gegenüber.

sj: Wie subjektiv sind Ihre Beiträge denn – und wie faktisch?

Grabowski: Für eine kritische Analyse braucht es einerseits eine umfangreiche Vorbetrachtung aus diversen Quellen, Fakten und Eindrücken, jedoch ist ein reiner Artikel über Fakten kein Mehr­wert im Vergleich zu reinen Scouting­-Softwares und wird journalistischen Ansprüchen nicht gerecht. Der Autor nimmt eine tiefgehende Analyse vor und wägt verschiedene Thematiken nuanciert ab, gibt jedoch in jedem Artikel individuelle Einschätzungen ab. Hier ziehen wir die Trennlinie, dass gewisse individuelle Ansichten mit stimmigen Fakten untermauert sind.

sj: Kann man Ihrer Einschätzung nach alle relevanten Parameter messen?

Grabowski: Nicht jede Fähigkeit eines Spielers ist durch reine Daten zu bewerten, so dass der eigene Eindruck von einem Spieler immer höher gewichtet sein muss. Ohne eine subjektive Komponente kann heutzutage kein Bezug zum Status Quo und eine Identifikation mit Autor oder Medium entstehen.

sj: Mit Blick auf die Talentseite: Ist Ihnen bewusst, dass es sich hier um sehr junge, noch nicht ausgereifte und daher womöglich sensible Spieler handelt?

Grabowski: Insbesondere in Bezug auf junge Spieler herrscht bei uns ein Kodex: Über Spieler unter 16 Jahren verzichten wir vollständig auf Berichte. Interviews werden nur mit Volljährigen geführt. Und Analysen über minderjährige Spieler werden bewusst taktvoll gestaltet­, Perspektiven und individuelle Stärken deutlicher betont und Verbesserungspotenziale fair eingearbeitet.

sj: Sie nehmen also Rücksicht?

Grabowski: Die Analysen unserer Projekte sollen kritisch, analytisch und meinungsstark sein, allerdings berichten wir über junge Menschen, denen man immer so fair begegnen sollte, dass sie selbst den Artikel mit ihrer Familie teilen könnten. Jedoch gibt es auch noch die andere Seite: Wir stecken unsere Talentgrenze bei einem Maximalalter von 22 Jahren.

sj: Dann ist der Welpenschutz vorbei?

Grabowski: Dann sind die meisten schon Jahre im Geschäft, wissen, wie es läuft, und haben sich auf einer bestimmten Ebene etabliert. Bei aller Fairness werden dann bei der Analyse keine Samthandschuhe mehr angezogen. Gerade persönliche Eigenschaften wie Disziplin, Verhalten oder Einfluss der Berater können wir aus journalistischer Vollständigkeit nicht weicher anpacken, als dies notwendig ist. Bei allem Respekt müssen wir schließlich glaubwürdig bleiben.

Mit Philipp Grabowski sprach Frank Schneller. Dieses Interview stammt aus der Ausgabe Februar/März 2018 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS erhalten das Heft automatisch per Post und können sich es zudem als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

29.05.2018






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