DOSB-Vorstandsvorsitzende Veronika Rücker im Interview – Teil II
DOSB-Vorstand (von links): Martin Schönwandt (Vorstand Sportjugend), Dr. Karin Fehres (Vorstand Sportentwicklung), Dirk Schimmelpfennig (Vorstand Leistungssport), Veronika Rücker (Vorstandsvorsitzende) und Thomas Arnold (Vorstand Finanzen) (Foto: DOSB)

„Umdenken erreichen, Glaubwürdigkeit stärken“

Veronika Rücker ist seit Anfang 2018 Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Im zweiten Teil des sportjournalist-Interviews spricht sie über eine erneute deutsche Olympia-Bewerbung und Rückschläge wegen des russischen Staatsdopings.

In Veronika Rücker steht erstmals eine Frau an der Spitze des Deutschen Olympischen Sportbundes. Die 48-Jährige übernahm das Amt Anfang 2018 von Michael Vesper. Im ersten Teil des zweiteiligen Interviews ging es um ihren Start beim DOSB und die große zeitliche Verzögerung bei der Leistungssportreform wegen der langwierigen Regierungsbildung in Berlin.

sportjournalist: Frau Rücker, Sie haben wiederholt die Hoffnung auf Olympische Spiele in Deutschland geäußert. Was macht Sie optimistisch, nachdem die beiden jüngsten Bewerbungsversuche am Votum der Bevölkerung scheiterten?

Veronika Rücker: Das Internationale Olympische Komitee hat in den letzten Jahren die Kriterien für künftige Bewerbungen weiter angepasst, um genau dieser Kritik ein Stück weit entgegenzukommen, es hat die Problembereiche erkannt und darauf reagiert. Deshalb kann man die Ausgangssituation mit der von früher nicht mehr vergleichen. Das den Menschen zu vermitteln, ist unsere Aufgabe, um mehr Akzeptanz für eine Bewerbung, aber auch für Sportgroßveranstaltungen an sich zu erzielen. Insgesamt nehme ich eine große Sportbegeisterung in Deutschland wahr, sowohl was aktiven als auch passiven Sport anbelangt.

sj: Aber wie lassen sich Kritikpunkte wie fehlende Nachhaltigkeit und eine hohe finanzielle Belastung entkräften?

Rücker: In Bezug auf die Nachhaltigkeit gibt?es nicht allzu viele Länder, die auf so eine gute Infrastruktur zurückgreifen können wie wir. Da hätten wir eher die Aufgabe, wenn nicht sogar die Verpflichtung, sie für solche Veranstaltungen zu nutzen. Und was den individuellen Nutzen betrifft, müssen wir nur an die Fußball-WM 2006 zurückdenken. Da hätte vorher auch niemand genau sagen können, was sie bringt.

sj: Was hat sie aus Ihrer Sicht gebracht?

Rücker: Das sind viele weiche Faktoren, die einem Land zugutekommen: Begeisterung, Stolz, ein großes und friedliches Miteinander.

sj: Deutsche Medien haben die Vergabe sportlicher Großereignisse an Staaten mit niedrigen demokratischen Standards sowie Verstößen gegen Menschenrechte und Pressefreiheit hart kritisiert. Inwieweit ist Deutschland selbst als potentieller Ausrichter in der Pflicht?

Rücker: Man kann nicht immer nur kritisieren, sondern ist im Gegenzug dann auch in der Verantwortung, bei der Ausrichtung eine starke Rolle zu spielen.

sj: Wie stark hat das russische Staatsdoping und dessen Aufdeckung das Ansehen der olympischen Idee beschädigt?

Rücker: Es war ihr mit Sicherheit nicht zuträglich und hat die Glaubwürdigkeit des Sports schwer ins Wanken gebracht. Als DOSB müssen wir auch unseren Beitrag leisten, die Glaubwürdigkeit wieder zu stärken. Dazu gehört auch, dass wir uns in internationalen Gremien einbringen, um dort ein Umdenken zu erreichen (Foto IOC-Boss Bach, links, und Russlands Präsident Putin: firo sportphoto/Augenklick).

sj: Ihnen wird eine große thematische Nähe zu DOSB-Präsident Alfons Hörmann nachgesagt. Beabsichtigen Sie, sich abzugrenzen?

Rücker: Für Organisationen ist es grundsätzlich gut, wenn die Führungsmannschaft – und zwar die gesamte – in eine Richtung marschiert und sich nicht durch interne Auseinandersetzungen, die womöglich auch noch nach Außen dringen, auseinanderdividieren lässt. Das macht meiner Meinung nach die Schlagkraft einer Organisation aus.

sj: Aber profitieren starke Organisationen nicht auch von der Reibung zwischen unterschiedlichen Positionen ihrer Mitglieder?

Rücker: Durchaus – aber hinter den Kulissen und nicht auf offener Bühne.

Mit Veronika Rücker sprach Katrin Freiburghaus

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Juni/Juli 2018 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

28.06.2018






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