Serie „Einsteiger, Aussteiger, Umsteiger“ – Teil I
Hendrik Buchheister im Stadion (Foto: privat)

Umsteiger Hendrik Buchheister – „Viele junge Engländer schätzen Deutschland sehr“

Seit Sommer vergangenen Jahres ist Hendrik Buchheister als freier Autor in Manchester. Dem sportjournalist erklärt er, was ihn auf die Insel gezogen hat und warum dort in den Stadien so wenig Stimmung ist.

Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, stammt aus Niedersachsen. Der Politikwissenschaftler arbeitete zuletzt aus Hamburg als freier Autor für renommierte Tageszeitungen und Onlinemedien. Seit Sommer 2017 ist Buchheister in Manchester und berichtet von dort vorwiegend über das sportliche Geschehen auf der Insel.

sportjournalist: Hendrik Buchheister, was hat Sie dazu bewogen, nach England zu ziehen?

Hendrik Buchheister: Ich habe mich schon immer für englischen Fußball und das Land interessiert. Während meines Studiums war ich für ein Praktikum beim Independent in London. Seitdem habe ich den Gedanken mit mir herumgeschleppt, irgendwann dorthin zu gehen.

sj: Warum Manchester und nicht London?
 
Buchheister: Manchester hat sich von der Lage her angeboten. Ich habe zwei große Klubs in der Stadt, auch Liverpool oder Huddersfield sind nicht weit weg. Wenn ich mal nach London muss, bin ich mit dem Zug in gut zwei Stunden dort. Manchester ist toll, es hat reichlich Kultur sowie viele Bars und Kneipen, einfach eine gute Atmosphäre. Und die Lebenshaltungskosten sind auch eine Ecke niedriger als in London.

sj: Wie steht es um Ihre Sprachkenntnisse? Können Sie perfekt Englisch?

Buchheister: Gereist bin ich schon immer gerne. Und ich habe auch englische Medien gelesen und englische Fußball-Podcasts gehört. Von daher war mein Englisch solide, würde ich sagen. Das gilt nach wie vor. Ich komme weitgehend unfallfrei durch den Alltag.

sj: Wird man noch immer komisch angeguckt, wenn man sich als Deutscher zu erkennen gibt?

Buchheister: Ich kann natürlich nicht beurteilen, wie es vor ein paar Jahrzehnten war, aber ich habe noch nie Probleme gehabt. Keine Nazi-Witze, keine Hitlergrüße. Klar, als Deutschland bei der WM ausgeschieden ist, habe ich mir einiges von meinen englischen Freunden anhören müssen. Aber darüber konnte ich gut lachen. Viele junge Engländer schätzen Deutschland sehr. Sie lieben Berlin als Partystadt und bewundern Deutschland für die im Gegensatz zu Großbritannien politische Stabilität.

sj: Das Vereinigte Königreich will die EU verlassen. Bekommen Sie etwas vom anstehenden Brexit mit?

Buchheister: Das ist natürlich ein Thema, wenn ich mit englischen Freunden spreche. Aber es weiß eben niemand genau, was passieren wird. Ich versuche, mich davon nicht in meiner Arbeit beeinflussen zu lassen. Das klappt bislang ganz gut.

sj: Einer Ihrer Arbeitsschwerpunkte in Deutschland war die Fanszene. Sie haben ein Buch über Choreografien aus deutschen Stadionkurven geschrieben. Wie sieht es mit Choreos in England aus?

Buchheister: Ziemlich trübe. Choreografien gibt es so gut wie keine, und wenn doch, dann sind die meist von den Vereinen organisiert (Foto Buchcover: Verlag Delius Klasing).

sj: Haben Sie für die Zurückhaltung auf Fanseite eine Erklärung?

Buchheister: Es liegt daran, dass es in Großbritannien quasi keine Ultras gibt. Durch die Umwandlung der Stadien in reine Sitzplatz-Sportstätten und ziemlich hohe Eintrittspreise wurde das Publikum gentrifiziert. Für Familien, Schüler oder Studenten ist es schwer, regelmäßig zu Spielen der Premier League zu gehen. Die legendäre englische Stimmung gibt es nur noch zu besonderen Anlässen, etwa bei Derbys oder entscheidenden Spielen der Champions League.

Mit Hendrik Buchheister sprach Clemens Gerlach. Lesen Sie im zweiten und letzten Teil des Interviews, warum viele englische Fußballfans voller Sehnsucht auf die Bundesliga schauen.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe August/September 2018 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

15.10.2018






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