ARD-Ski-Experte Felix Neureuther im Interview – Teil II
Felix Neureuther (Foto: BR/Lisa Hinder)

„Die Athleten sind schon extrem vorsichtig geworden“

Als Skirennfahrer hat Felix Neureuther früher selbst erfahren, wie es ist, interviewt zu werden. Auf sportjournalist.de erklärt der ARD-Ski-Experte im zweiten Teil des Interviews, wie er mit seinen ehemaligen Pistenkolleg*innen umgehen will und was zu tun ist, damit eine angenehme Gesprächsatmosphäre entsteht.

Felix Neureuther hat die Seiten gewechselt. Der ehemalige Skirennläufer, der im März dieses Jahres aufgehört hat, arbeitet jetzt in der Sportredaktion des Bayerischen Rundfunks. Während seiner aktiven Laufbahn gewann der 35-Jährige 13 Weltcuprennen. Im ersten Teil des dreiteiligen Interviews lasen Sie, welch großen Respekt Neureuther vor der Live-Berichterstattung hat.

sportjournalist: Herr Neureuther, Sie haben gesagt, dass man sich schon richtig Gedanken machen müsse, wenn man sich als Interviewer abheben wolle. Wie weit sind Ihre Gedanken diesbezüglich gereift?

Felix Neureuther: Ich habe da schon ein paar Ideen, aber ich finde, dass sich so etwas auch immer aus der Situation ergeben muss. Das kommt auch auf den Gegenüber an. Wenn da einer steht, der auch mal Lust hat, ein bisschen Blödsinn zu reden, gehst du natürlich darauf ein. Wenn du jemanden aus der Reserve locken musst, brauchst du Fingerspitzengefühl. Ich glaube, ein guter Moderator müsste eine kleine Oase schaffen, in der sich der Athlet gut fühlt, ohne dass man ihm völlig unkritisch begegnet.

sj: Finden Sie, dass sich diese Interaktion zwischen Athlet und Journalist über die Jahre verändert hat?

Neureuther: Wenn ich alleine an Harry Valérien denke, der hat es früher schon geschafft, dem Interviewpartner zu vermitteln, dass er nichts Schlechtes von ihm will, sondern dass er sich ganz normal unterhalten will, auf Augenhöhe. Das macht schon viel aus. Es ist auch noch mal was anderes, wenn du dich als Sportler nach einem Rennen mit einem Ex-Sportler unterhältst anstatt mit jemandem, der den Sport eher von außen betrachtet.

sj: Warum?

Neureuther: Da weiß der ehemalige Athlet vielleicht doch etwas besser, was dem Gegenüber gerade durch den Kopf geht. Ich glaube jedenfalls, dass viele Moderatoren früher schon mit noch mehr Leidenschaft dabei waren. Ich meine das aber gar nicht als Kritik an heute. Es gibt mittlerweile so eine Fülle an Sportarten und Disziplinen, die übertragen werden, da kann man kaum in die Tiefe gehen. Es ist auch schwerer geworden, Interviews mit Sportlern zu führen.

sj: Wie meinen Sie das?

Neureuther: Die Athleten sind schon extrem vorsichtig geworden mit dem, was sie sagen. Durch das Internet und die Sozialen Netzwerke werden Aussagen sofort verbreitet und manchmal auch verzerrt, da denkt man sich manchmal schon: Hey, was geht denn jetzt ab?

sj: Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen an der Sportberichterstattung?

Neureuther: Ich habe mir zuletzt noch mal die ersten Rennen der vergangenen Saisons in Sölden angeschaut und überlegt: Was sehe ich ähnlich, was sehe ich nicht so wie das, was da kommentiert und moderiert wurde? Da habe ich schon viel entdeckt, was ich anders machen würde.

sj: Und zwar?

Neureuther: In meinen Augen wird der Skisport heute zu kompliziert dargestellt, vor allem was die Skitechnik und die Schwierigkeiten eines Laufes betrifft. So kompliziert ist es eigentlich gar nicht. Das ist zum Beispiel das Schöne beim Biathlon: Wenn jemand schnell läuft und dann auch noch gut schießt, ist er vorne. Das versteht wirklich jeder. Bei den Alpinen hattest du früher auch viel eher ein Auge dafür, wer schnell ist oder nicht. Da gab es viele verschiedene Charaktere und Fahrstile, da war ein Fehler viel sichtbarer als heute. Das ist natürlich auch dem modernen Material geschuldet. Mein Ziel ist es jedenfalls, dem Zuschauer den Skisport wieder näherzubringen.

Mit Felix Neureuther sprach Johannes Knuth. Der Autor ist unter anderem Ski-alpin-Reporter der Süddeutschen Zeitung. Lesen Sie im dritten und letzten Teil des dreiteiligen Interviews, was Neureuther den Verbänden rät, um den Wintersport wieder näher ans Publikum zu bringen.

Dieses Interview stammt aus der Ausgabe Oktober/November 2019 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des Verbandes Deutscher Sportjournalisten erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

14.11.2019






« zurück
Magazin sportjournalist
Die aktuelle Ausgabe:
Dezember/Januar

Titelthema

Wohin geht die Reise? Wie Medienhäuser gegen den Printschwund ankämpfen
Von Gregor Derichs

Quo vadis, Sportjournalismus? Ein Essay zu den Entwicklungen und zur Zukunft
Von Prof. Dr. Michael Schaffrath

Interview
mit Spielerberater Stefan Backs über Spieler, Berater und Medien
Von Frank Schneller

Intern
Die Ausschreibungen zu den VDS-Berufswettbewerben

Weitere Informationen
Regionalvereine