Tokio-Korrespondent Thomas Hahn im Interview
Viele leere Plätze in einem Zug in die Tokioter City (Foto: Thomas Hahn)

„Ich wollte mal was richtig Verrücktes machen“

Seit einigen Monaten ist Thomas Hahn für die Süddeutsche Zeitung Korrespondent in Tokio. Im ersten Teil des Interviews aus der Serie „Einsteiger, Aussteiger, Umsteiger“ erklärt der frühere Sportredakteur, wie Japan auf die Verschiebung der Olympischen Sommerspiele reagiert und welche Auswirkungen die Coronavirus-Pandemie noch hat.

Thomas Hahn, 48, war nach seinem Studium der Theaterwissenschaften freier Journalist und anschließend 15 Jahre lang Sportredakteur bei der Süddeutschen Zeitung, ehe er als SZ-Korrespondent für Norddeutschland nach Hamburg wechselte. Im September 2019 trat er eine Korrespondentenstelle für Japan und Südkorea in Tokio an.

sportjournalist: Herr Hahn, wieso haben Sie sich Japan ausgesucht?

Thomas Hahn: Ich wollte mal was richtig Verrücktes machen. Japan fand ich auch deshalb passend, weil hier die Olympischen Spiele stattfinden und Sport-Expertise dafür sicher nicht schadet. Ich interessiere mich aber generell für fast alles, und das kann man hier wirklich gut gebrauchen. Es ist eine ganz andere Gesellschaft, die für die verschiedensten Ressorts Geschichten erzählt. Es wäre schade, hier nur über Politik zu schreiben.

sj: Nun wurden die Sommerspiele wegen der Coronavirus-Krise aufs kommende Jahr verschoben. Wie ist derzeit die Stimmung im Land?

Hahn: Laut Umfragen war die Mehrheit der Menschen in Japan für die Verlegung der Olympischen Spiele. Insofern fand man die Entscheidung im Allgemeinen vernünftig. Viele Normalbürgerinnen und -bürger stehen den Spielen ohnehin kritisch gegenüber, weil sie sagen, dass der Staat sein Geld für Wichtigeres ausgeben sollte, zum Beispiel für einen schnelleren Wiederaufbau in Fukushima, der Präfektur, die 2011 von Tsunami und Nuklearkatastrophe besonders stark betroffen war (Hahn-Foto: privat).

sj: Wie haben die mit der Planung der Sommerspiele betrauten Personen auf die Verschiebung reagiert?

Hahn: Im Organisationskomitee scheint man recht sachlich und zügig an der Umsetzung der neuen Aufgabe zu arbeiten. Wirtschaftlich ist die Verlegung für Japan ein weiterer schwerer Rückschlag. Die Spiele waren Teil einer Wachstumsstrategie, jetzt werden sie um noch ein paar Milliarden US-Dollar teurer. Und dabei ist nicht einmal klar, ob sie nächstes Jahr wirklich stattfinden können.

sj: Welche Auswirkungen hat aus Ihrer Sicht die Pandemie auf dieses dichtbesiedelte Land?

Hahn: Japan hat im Vergleich zu Ländern wie den USA, Italien, Spanien oder auch Deutschland eine relativ kleine Zahl bestätigter Infektionen und relativ wenige Covid-19-Todesfälle. Die Gründe dafür sind noch nicht letztgültig erforscht, das kann an der Kultur liegen oder an genetischen Unterschieden zwischen Asiaten und Europäern. Ziemlich sicher ist allerdings, dass die Dunkelziffer der nicht erfassten Covid-19-Fälle im Vergleich zu anderen Ländern groß ist.

sj: Warum ist das so?

Hahn: Japans Strategie zur Bekämpfung des Virus setzt auf wenige gezielte Tests für Menschen mit klaren Symptomen, deren Kontaktpersonen und Einreisenden. Experten beklagen, dass dadurch zu wenige Covid-19-Infizierte, die keine oder nur milde Symptome zeigen, gefunden werden und damit auch zu wenige isoliert werden. Japan ändert diese Strategie leider nur sehr zögerlich, deshalb kann man gar nicht genau sagen, wie verbreitet Covid-19 hier wirklich ist. Allerdings gibt es Berichte von überlasteten Krankenhäusern und Notfallaufnahmen. Covid-19-Verdachtsfälle müssen teilweise sehr lange suchen, bis sie ein Krankenhaus gefunden haben, das sie aufnimmt, weil viele Krankenhäuser nicht für eine derart ansteckende Infektionskrankheit ausgestattet sind.

sj: Wie sind die Reaktionen der Menschen in Japan auf die Einschränkungen?

Hahn: Seit Anfang April gelten hier die Bestimmungen einer Notstandserklärung, die Ministerpräsident Shinzo Abe zunächst nur für sieben und dann auf Drängen auch für alle weiteren 40 Präfekturen erklärte. Dadurch bekommen die Gouverneure gewisse Befugnisse zum Seuchenschutz, die allerdings rein rechtlich nicht zu den streng überwachten Lockdowns führen können, wie man sie in Europa oder den USA kennt. Die Leute werden eindringlich gebeten, zu Hause zu bleiben und machen das im Grunde auch. Allerdings sind die Voraussetzungen für Heimarbeit in vielen Unternehmen offensichtlich nicht sehr gut, so dass weiterhin viele Leute zur Arbeit pendeln (Foto Menschenleere Straße in Tokio: Thomas Hahn).

sj: Was machen die staatlichen Stellen aufgrund dieses Dilemmas?

Hahn: Die Aufrufe der Politik, zu Hause zu bleiben, klingen relativ verzweifelt, die Leute folgen den Aufforderungen nicht konsequent genug. Aus meiner Sicht liegt das vor allem daran, dass die Politik der Regierung auch nicht sehr konsequent ist. Außerdem beeinflusst die Coronavirus-Krise die Leute seit Februar, als die ersten Schließungen und Absagen kamen. Man ist hier nach meiner Wahrnehmung schon ziemlich ausgelaugt von der Krise, dabei hat sie in Japan erst jetzt so richtig angefangen.

Die Fragen stellten Katrin Freiburghaus und Clemens Gerlach. Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews mit Thomas Hahn, welche kulturellen Besonderheiten die japanische Gesellschaft aufweist und wieso Europäer deshalb zuweilen vor Probleme gestellt werden.

Dieses Interview stammt aus dem sportjournalist. Es wurde für die Verbreitung über die digitalen Kanäle des VDS aktualisiert. Hier geht es zur Bestellung des sj-Jahresabonnements beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

05.05.2020






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