Journalismus-Aussteiger Friedhard Teuffel im Interview
Friedhard Teuffel im Foyer des LSB-Gebäudes vor dem Triptychon mit der Abbildung des legendären US-Leichtathleten Jesse Owens (Foto: Landessportbund Berlin/Jaro Suffner)

„Es brodelte in mir“

Nach 20 Jahren Journalismus war es für ihn vorbei. Im zweiten Teil des dreiteiligen Interviews aus der sportjournalist-Serie „Einsteiger, Aussteiger, Umsteiger“ erklärt das VDS-Mitglied Friedhard Teuffel, was ihn dazu bewog, Direktor des Landessportbundes Berlin zu werden und warum er seine neue Tätigkeit so erfüllend findet.

Seine journalistische Laufbahn begann Friedhard Teuffel, Jahrgang 1974, als Berlin-Korrespondent der FAZ-Sportredaktion. Später ging der Politikwissenschaftler zum Tagesspiegel. Dort war der gebürtige Mainzer Reporter, Sportchef und zuletzt verantwortlicher Redakteur im Ressort Meinung/Causa. Seit Oktober 2018 ist Teuffel, Mitglied im Verband der Sportjournalisten Berlin-Brandenburg und passionierter Tischtennisspieler, Direktor des Landessportbundes Berlin und unter anderem für die Leitung der Verwaltung verantwortlich. Dem LSB gehören rund 2500 Vereine mit 670.000 Mitgliedern an. Im ersten Teil des Interviews ging es um die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf den Berliner Vereinssport.
 
sportjournalist: Herr Teuffel, zwei Jahrzehnte lang haben Sie als Journalist gearbeitet, dann war Schluss. Warum wollten Sie nicht mehr?
 
Friedhard Teuffel: Ich habe gemerkt, dass es in puncto Vereinssport noch in mir brodelte. Auch als Journalist habe ich mich immer für Vereinssport interessiert, doch ich wollte noch näher heran. An meinem jetzigen Platz kann ich mich dafür am besten einbringen. Es gibt nichts Schöneres, als Ermöglicher des Sports zu sein. Ich habe eine großartige Aufgabe gefunden und darf mich mit einer guten Sache gemein machen, ohne schief angesehen zu werden.
 
sj: Was müsste passieren, damit Sie in den Journalismus zurückkehren?
 
Teuffel: Der Landessportbund müsste sich auflösen (lacht). Mein Vertrag läuft über fünf Jahre, die Nähe zu den Vereinen möchte ich nicht wieder hergeben. Und ich versuche, Journalistisches in meinen Arbeitsalltag einzubauen. So schreibe ich gerne Editorials für unser Verbandsmagazin Sport in Berlin oder verfasse Reden, die ich vor Vereinen und Verbänden halte.
 
sj: Welche Rolle hat für Ihren Ausstieg gespielt, dass die Medienbranche inzwischen sehr unsicher geworden ist?
 
Teuffel: Überhaupt keine. Ich kenne die Existenzängste aus anderen Häusern, der Tagesspiegel ist aber sehr gut aufgestellt und nimmt die Herausforderungen der Digitalisierung an. Ich bin bis zum letzten Tag sehr gerne zum Tagesspiegel gegangen und hatte keinen Leidensdruck. Es hat mir dort auch wegen der tollen Kolleginnen und Kollegen großen Spaß gemacht. Für mich war es ein starkes Hingezogen-Sein zur neuen Tätigkeit und kein Abgestoßen-Sein von der vorherigen.
 
sj: Wie sind Sie überhaupt an Ihren neuen Job gekommen?
 
Teuffel: Auf ganz klassische Art. Die Stelle war nach der Pensionierung meines Vorgängers ausgeschrieben. Ich habe mich beworben und bin zu meiner großen Freude genommen worden. Das war ein ganz transparentes Verfahren, wie es für eine Organisation, die zu einem großen Teil aus öffentlichen Mitteln finanziert wird, auch nötig ist.
 
sj: Welche Hauptaufgabe sehen Sie für sich beim LSB?
 
Teuffel: Die gesellschaftspolitische Verantwortung des Sports findet im Verein statt. Für mich zählen dazu Aspekte wie Gesundheit, Zusammenhalt, Integration, Teilhabe, Inklusion. Eine Dachorganisation kann hier mehr leisten, es ist nicht wie bei einem Fachverband die Förderung und Entwicklung einer einzigen Sportart. Es geht uns darum, ein tolles Angebot für alle Altersgruppen zu machen. Das sind wirklich konkrete Themen, die mich umtreiben, die manche Journalisten aber nicht so erkennen (Foto: Fotoagentur Kunz/Bernhard Kunz/Augenklick).
 
sj: Die Medien sind schuld daran, dass über Kleinkindturnen und Seniorenfitness zu wenig berichtet wird?
 
Teuffel: Nein, das liegt auch an den Organisationen selbst. Die müssen stärker erzählen, was für gelungene Beispiele es gibt, und personalisiert herausstellen, was erreicht wurde und welcher Gewinn dies für die Beteiligten war. Das verfängt.
 
sj: Wurde dieser Ansatz vor Ihrem Einstieg im LSB nicht ausreichend oder gar nicht verfolgt?
 
Teuffel: Kommunikation ist sehr wichtig. Mein Vorteil ist, dass ich beide Seiten kenne. Wir sind der Verband der Verbände. Der Austausch mit Organisationen nimmt Zeit in Anspruch, ist aber auch sehr wertvoll. Wir haben Sachen gelernt, auf die wir selbst nicht gekommen wären.

Das Gespräch führte Clemens Gerlach. Lesen Sie im dritten und letzten Teil des Aussteiger-Interviews mit Friedhard Teuffel, was die Sportvereine tun, um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten und wie Olympische Spiele in Deutschland dem Breitensport helfen könnten.

Dieses Interview stammt aus dem sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung von sj-Jahresabonnement und Einzelheften beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

22.07.2020






« zurück
Magazin sportjournalist
Die aktuelle Ausgabe:
August/September 2020

Titelthema

Corona – und jetzt? Über die Auswirkungen der Krise auf die Arbeit von Sportjournalisten
Von Gregor Derichs

Studie
#MeToo in deutschen Sportredaktionen: Ergebnisse einer Umfrage der TU München
Von Prof. Dr. Michael Schaffrath

Medien
In der Zange: Ein kritischer Blick auf die zunehmende Anzahl von Sportdokumentationen
Von Thorsten Poppe

Weitere Informationen
Regionalvereine