RTL-Sportchef Andreas von Thien im Interview – Teil II
Zuschauerarme Tribüne im Fußballstadion (Foto: Ralf Ibing/firo sportphoto/Augenklick)

„Das emotionalste Element fehlt derzeit“

RTL-Sportchef Andreas von Thien weiß um die große Bedeutung des Publikums bei Liveübertragungen. Warum es für echte Begeisterung auf den Rängen und in den Hallen keinen Ersatz gibt, erklärt das VDS-Mitglied, Jahrgang 1967, im zweiten und letzten Teil des Interviews auf sportjournalist.de.

Im ersten Teil des zweiteiligen Interviews mit Andreas von Thien ging es um die großen Erfolge, die RTL dank Boxen und Skispringen feiern konnte. Viele Sportler wurden durch den Sender erst groß.

sportjournalist: Herr von Thien, RTL hat sich diese Helden häufig selbst gezüchtet. Henry Maske wurde durch RTL groß. Ähnlich war es bei den Skispringern. Muss es nicht zumindest versucht werden?

Andreas von Thien: Zunächst einmal hatten die grundsätzlich eine tolle sportliche Leistung als Eintrittskarte zu bieten. Alleine sympathisch oder charismatisch zu sein reicht nicht, um Millionen Menschen zu begeistern und hohe Einschaltquoten zu generieren.

sj: RTL-CEO Bernd Reichart nannte das Rechtepaket im Fußball ein „Signal von großer Wucht“. Ist der Wert nicht stark dadurch gemindert, dass aktuell keine oder kaum Stadionatmosphäre transportiert werden kann?

von Thien: Das emotionalste Element fehlt derzeit uns allen. Dieses Herzschmerzgefühl und die Leidenschaft vermitteln Geisterspiele einfach nicht. Für mich ist das eher ein Dahinplätschern. Aber die andere Seite der Medaille ist die: Als Fans wollen wir natürlich doch sehen, wie ein Spiel sportlich verläuft und am Ende ausgeht (von-Thien-Foto: RTL).

sj: Lässt sich das als übertragender Sender irgendwie kaschieren?

von Thien: Wir haben ja bei den Europa-League-Übertragungen einen tollen Rahmen gestaltet, sind an den Strand eines Kölner Beach-Clubs gegangen und haben dort ein erlebbares Event kreiert. Das hat großen Spaß gemacht und kam richtig gut an. Aber: Ein Soundteppich mit Fangesängen während der Übertragung kann natürlich nicht die Live-Atmosphäre im Stadion ersetzen. Die Zuschauer sind nun mal der Kitt, der das ganze Projekt Fußball zusammenhält.

sj: RTL – das war Formel 1, die Formel 1 war RTL. Rot gegen Silber, die Krombacher-Werbestimme, Ebels Hemden, Laudas Mütze. Warum steigt Ihr Sender nach so vielen Jahren aus?

von Thien: Die Wettbewerbsbedingungen haben sich brutal verändert. Da kannst du noch so schöne Konzepte und herausragende Free-TV-Reichweiten haben, am Ende war es für uns ein Akt wirtschaftlicher Vernunft.

sj: Im Branchendienst inside-digital war zu lesen, RTL zeige den Geldhaien den Mittelfinger. Oder war Ihnen Motorsport in Zeiten der Klimakrise nicht mehr genug wert?

von Thien: Wir haben uns die Entscheidung nach fast 30 Jahren Formel 1 wahrlich nicht leicht gemacht, denn dieser Sport war und ist eine große Leidenschaft für uns. In der Abwägung kamen viele Faktoren zum Tragen. Die kontroversen Diskussionen um die Zukunftsausrichtung innerhalb der Formel 1 spielten da ebenso mit rein wie die ungewisse deutsche Komponente. Und natürlich war auch Nachhaltigkeit ein Thema, auch wenn sich da in der Formel 1 durchaus etwas zum Positiven bewegt. Aber am Ende ging es um die Frage, ob wir bereit sind, im Bieterwettstreit die Grenze des wirtschaftlich Darstellbaren zu überschreiten. Unsere Antwort ist bekannt.

sj: Ein Weg zurück wäre dennoch vorstellbar?

von Thien: Sag niemals nie. Die Formel 1 war und ist RTL-DNA.

Mit Andreas von Thien sprach Thomas Nowag

Dieses Interview stammt aus dem sportjournalist. Es wurde für die Verbreitung über die digitalen Kanäle des VDS gekürzt und als Zweiteiler angelegt. Hier geht es zur Bestellung von sj-Jahresabonnement und Einzelheften beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

18.11.2020






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