Interview mit FAZ-Sportchef Anno Hecker II
Übervoller Abfallbehälter (Foto: GES-Sportfoto/Oliver Hurst/augenklick)

„Wir sind so etwas wie die Gatekeeper zur Müllhalde“

Die Corona-Pandemie hat die Art der medialen Kommunikation stark verändert. FAZ-Sportchef Anno Hecker ist überzeugt davon, dass viele der neuen Abläufe beibehalten werden. Im zweiten Teil des vierteiligen sportjournalist-Interviews erklärt das Frankfurter VDS-Mitglied seine Skepsis gegenüber virtuellen Pressekonferenzen.

Seit Mai 1991 gehört Anno Hecker der Sportredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an (Foto: FAZ). Im Juli 2012 übernahm der 57-Jährige die Leitung des Ressorts. Zu Heckers inhaltlichen Schwerpunkten zählen Formel 1, Doping, Sportpolitik, Wintersport und Basketball. Der gebürtige Kölner ist Mitglied des Vereins Frankfurter Sportpresse. Im ersten Teil des vierteiligen Interviews ging es um Heckers vielfältige Erfahrungen bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio.

sportjournalist: Herr Hecker, wie funktioniert Sportjournalismus in der Pandemie?

Anno Hecker: Wir müssen hingehen! Jeder von uns wird spüren, dass man zunehmend von dem zehrt, was man aus der Vergangenheit weiß und erlebt hat. Dass man auf die eigene Erfahrung angewiesen ist. Aber durch die Präsenz muss man diesen Fundus wieder auffüllen. Durch Gespräche, Dinge, die man nicht planen kann, die einem begegnen, durch Austausch, durch das Live-Erlebnis. All das geht nur vor Ort. Man hat im Stadion eine andere Perspektive. Die durch die Kamera ist, egal wie viele Kameras man noch installiert, nicht die des eigenen Auges, sondern eine eingeschränkte. Das Fernsehbild ist gut und wichtig. Aber der Zuschauer zuhause am Bildschirm kann nicht riechen oder schmecken, Vibrationen spüren. Selbst das Hören ist nicht eins zu eins mit dem Live-Erlebnis zu vergleichen. Diese Nähe ist wichtig für uns Berichterstatter. Das ist die Basis für guten Journalismus. Dafür braucht man zunächst Nähe.  

sj: Wird Sportjournalismus künftig mit dem vor Corona zu vergleichen sein?

Hecker: Nichts wird wieder so werden wie es war. Die eine oder andere Entwicklung ist ja auch ganz gut. Es muss nicht alles wieder zurückgedreht werden. Aber: Ich habe – vor allem bei den sogenannten super-professionellen Sportarten – den Eindruck gewonnen, dass bestimmte Beschränkungen und Zwänge, die durch die Pandemie entstanden sind, Verbänden, Vereinen und Protagonisten durchaus gefallen. Da wird eine Distanz aufgebaut, die mancher als neu gewonnene Freiheit auslegt. Dass versucht wird, Botschaften direkt zu setzen oder Dinge zu verhindern, durch eigenen Inhalt, vorbereitete Verlautbarungen – also durch Weglassen und Hinzufügen, je nach Bedarf – ist kein neuer Prozess. Das wird so bleiben oder gar zunehmen, unabhängig von der Pandemie. Die hat das höchstens noch etwas getriggert. Über die Rolle der Social Media in diesem Zusammenhang wurde ja schon vorher viel diskutiert.

sj: Werden virtuelle Pressekonferenzen bleiben?

Hecker: Viele glauben, sie funktionieren. Ich behaupte, sie funktionieren nicht so gut. Und zwar für beide Seiten. Das müsste man mal mit der anderen Seite diskutieren. Wenn Sie eine Botschaft verbreiten wollen – und Charisma haben –, wäre die Präsenz-Pressekonferenz für Sie vorteilhafter als die digitale. Und umgekehrt: Ein Journalist nimmt die Menschen anders wahr und spürt auch Schwingungen: Gestik, Mimik, Tonfall – das ist live im Raum viel greifbarer. Hat vielmehr Nachdruck. Jemand mit Ausstrahlung kann diese viel besser zum Ausdruck bringen als virtuell. Ich denke: Jene, die meinen, es wäre nicht vorteilhaft, mit uns im Saal zu sein, werden weiter drauf verzichten. Die Matadoren und Volkstribune aber werden es wieder machen (Foto: GES-Sportfoto/Markus Gilliar/augenklick).

sj: Angesichts der inzwischen beinahe inflationären Fast-Food-Berichterstattung: Hat handwerklich gut gemachter Sportjournalismus noch eine Chance? Die gut recherchierte Geschichte, die keinen Pseudo-News und Schnellschüssen – primär aus dem Netz – nachläuft?

Hecker: Nicht nur eine Chance. All denjenigen, die in die Tiefe gehen und recherchieren wollen, die sich davon abheben wollen, läuft es doch voll rein. Haben wir den Eindruck, dass das alles immer schneller geht? Dass alles immer seichter wird? Dass wir überflutet werden von Nebensächlichem bis sogar Irrelevantem? Im Netz, auf den Social Media Kanälen? Ja. Wir Redaktionen sind mittlerweile so etwas wie die Gatekeeper zur Müllhalde. Wir müssen erst mal gewaltig aussortieren, was überhaupt noch meldenswert ist. Ich sehe auch die Inflation. Viel Aufgebauschtes. Überflüssiges. Geschwätzigkeit. Bewusstes Hochziehen, um Klicks zu generieren. Auch durch Überschriften, die der Text nicht deckt. Diese Problematik betrifft uns alle. Andererseits ist das Netz eine tolle Sache. Sie können Ihre relevante, wichtige, spannende Nachricht darin sehr schnell und sehr weit verbreiten. Das an sich ist positiv. Aber wir müssen viel Energie darauf verwenden, dass wir nicht von einem Strom mitgerissen werden, in dem Nachrichten als solche verkauft werden, aber bei näherem Hinsehen keine sind. Entscheidend ist, wie seriös und sauber man etwas recherchiert und aufschreibt. Man muss halt gute Nerven haben, Mut zur langen Recherche – auch wenn’s mal schiefgeht und die Geschichte nichts wird. Das muss man aushalten. Einer unserer Reader-Scans hat ergeben: Ultralange, ausgeruhte Texte, mit differenzierenden Perspektiven, werden gut gelesen. Das Interesse der Menschen an der relevante, gut recherchierten und aufgeschriebenen Geschichte wächst wieder. Gerne mit dem Kommentar am Rand.

sj: Das Klassische – ob nun analog oder digital – funktioniert also noch?

Hecker: Ja, und es überzeugt die Leser weiterhin. Dafür sind sie auch bereit zu bezahlen. Die Frage oder vielmehr das Problem ist nur: Sind die Verlage noch dazu bereit, das mitzugehen? Viele Redaktionen werden ausgedünnt, die Bezahlung ist nicht angemessen. Was denken manche Medienhäuser? Dass wir eine 36-Stunden-Woche haben? Von neun bis fünf? Wie soll das gehen? Es geht nicht nur um die angemessene Entlohnung, sondern um die Rahmenbedingungen: Ausreichend Leute. Ausstattung, Reisemöglichkeiten. Zeit. Qualität kostet (Foto: GES-Sportfoto/Markus Gilliar/augenklick).  

sj: In der Realität indes mutieren viele Kolleginnen und Kollegen zu Multimedia-Servicezentren.     

Hecker: Ich weiß, was Sie meinen: „Multi Tasking“. Schreiben, Filmchen drehen, einen Radiobeitrag sprechen, noch ’nen Aufsager schnell, vielleicht noch Fotos machen – alles gleichzeitig. Und noch twittern. Irre! Wie soll da Qualität gewährleistet bleiben? Das kann’s doch nicht sein. Da geht ganz viel verloren. Wir müssen es schaffen, dem etwas zu entgegnen. Warum haben wir Fotografen, warum machen die so gute Bilder? Weil sie das gelernt haben, das ist ein Handwerk, wie das Schreiben, von mir aus auch eine Kunst. Jedenfalls nichts, was man mal so nebenbei mit Niveau hinbekommt. Die Aufgabenvielfalt, die auf uns zukommt, führt zu schlechterer Qualität oder Überforderung oder zu beidem.

Mit Anno Hecker sprach Frank Schneller. Im vorletzten Teil des vierteiligen Interviews geht es um die Herausforderungen bei den Winterspielen in Peking und der Fußball-WM in Katar kommendes Jahr.

25.10.2021






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