Interview mit Ines Geipel
Ines Geipel (Foto: Annette Hauschild)

„Wenn es dem Sozialismus diente, war praktisch alles legitim“

Die ehemalige Leichtathletin Ines Geipel engagiert sich seit Jahren für die Aufarbeitung des DDR-Staatsdopings. In ihrem neuen Buch „Schöner Neuer Himmel – Aus dem Militärlabor des Ostens“ belegt sie, wie Körper mit „optimaler Normierung“ geschaffen werden sollten. Wie menschenverachtend dies geschah, erklärt sie sportjournalist.de.

Ines Geipel, Jahrgang 1960, ist Ehrenvorsitzende des Vereins doping-opfer-hilfe. Für ihr Engagement bei der Aufarbeitung des DDR-Staatsdopings erhielt die frühere Leichtathletin 2011 das Bundesverdienstkreuz und 2017 das „Goldene Band“ des Verbandes der Sportjournalisten Berlin-Brandenburg. Im sportjournalist-Interview mit Anna-Lou Beckmann spricht sie über ihr neues Buch „Schöner Neuer Himmel – Aus dem Militärlabor des Ostens“ (Cover-Abbildung unten: Klett-Cotta). Für dieses durchforstete Geipel erstmals rund 4000 Verschlussakten der Militärforschung ab den 1970er-Jahren. Fast zweieinhalb Jahre fuhr sie für ihre Recherchen quer durch Deutschland.
 
sportjournalist: Frau Geipel, Auslöser für Ihr Buch waren, wie Sie schreiben, die Schilderungen von Jacob, einem ehemaligen Zirkusakrobaten. Er berichtete Ihnen im Januar 2018 von seinen Erlebnissen. Was genau hat Sie dazu veranlasst, zu recherchieren?

Ines Geipel: Seine Ortlosigkeit war das Motiv. Diese hartnäckigen Fragen: „Wo bin ich gewesen? Was ist mit mir passiert? Was war das für ein System, in dem ich da gesteckt habe?“ Und natürlich auch die Tatsache, dass es ihm offensichtlich nicht gut ging und er wirkliche Antworten brauchte.
 
sj: Sie starteten eine aufwändige Archivrecherche, in Ihrem Buch berichten Sie erstmals von der Geheimforschung des DDR-Militärs zur Beherrschung des Weltraums. Sie stoßen auf Tierversuche, aber auch auf Experimente mit Menschen. Welches Bild ergibt sich für Sie durch die Akten?

Geipel: Zunächst muss ich sagen, es gibt ausreichend Studien, wo es um Militärforschung und Waffen geht. Was den technischen Teil der Kosmosforschung angeht, ist das also relativ gut aufgearbeitet. Auffällig ist aber: Alles, was die Biomedizin betrifft, ich meine, was den Körper am Himmel angeht, ist in der Forschung noch völlig unterbelichtet. Mit Juri Gagarin und den anschließenden bemannten Raumflügen gab es das Wissen: Der Mensch kann da oben überleben, aber es passiert unter der Schwerelosigkeit Gravierendes.
 
sj: Was genau?

Geipel: Der Körper implodiert regelrecht. Die Knochen gehen weg, das Blut geht weg, das Immunsystem wird massivst angegriffen. Das war ein starkes Motiv für die einsetzende Forschung. Also die Frage: Was kann man tun, damit der Mensch da oben nicht nur irgendwie überlebt, sondern er sollte sich ja dauerhaft da oben aufhalten können und leistungsfähig sein. Damit begannen die systematischen Forschungen. Ich kann mit den Quellen im Buch zeigen, dass dieses Interkosmosprogramm ab 1967 entschieden wird und dann gehörig Fahrt aufnimmt. Im Kontext der Biosputniks ist das vor allen Dingen eine Forschung an Suchumi-Affen und Ratten. In der Zeit, in der die Akademie der Wissenschaften der DDR diese Forschung als nationale Verantwortung übernimmt, greift sie immer stärker auch auf den Menschen über. Der Sport ist dabei ein Teil dieser sehr komplexen Forschung.
 
sj: Wie sieht diese Verzahnung von Staatsforschung zum Kosmos und zum Sport aus?

Geipel: Wir wissen, dass der Staatsplan 14.25 1974 beschlossen wurde. Wir wissen auch, dass an die 15.000 ehemalige Athlet*innen in diesem Staatsplan waren. Fast zeitgleich zum Staatsdoping werden die Athlet*innen auch systematisch zu Forschungsobjekten. Im Grunde liegt das auf der Hand: Du hast im Sport den maximal leistungsfähigen Körper. In den Unterlagen wird sichtbar, dass die Athlet*innen in keinster Weise wussten, was da passierte.
 
sj: Inwiefern?

Geipel: Die Forschung wurde codiert, die Probanden wurden nicht informiert und waren anonymisiert. Dabei ging es um Höhentraining, Geschwindigkeiten, um alles mögliche, auch um Chemie. Vor allem das illegale Forschungsinstitut in Leipzig hatte eine sehr enge Verzahnung mit Bad Saarow, der Militärmedizinischen Akademie. Dort werden die geheimen Doktorarbeiten für den Sport verteidigt. Diese Verbindungen zwischen Sport, Militärforschung, Akademieforschung und zunehmend auch ziviler Forschung werden zu einem engmaschig verzahnten Forschungscluster. Man sieht, wie unter der Diktatur zusehends ethische Grundsätze unterlaufen wurden, wie Befehle ineinandergriffen und die Ideologie zum Entscheider wird. Wenn es dem Sozialismus und der Überlegenheit über den Westen diente, war praktisch alles legitim.
 
sj: Muss die Geschichte zum Thema DDR-Dopingforschung und Staatsplan 14.25 neu geschrieben werden?

Geipel: Richtig bleibt, dass es diesen Staatsplan gegeben hat. Richtig bleibt, dass am Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport in Leipzig diese illegale Forschung betrieben wurde. Das ist alles Fakt. Aber dass der Sport ein Teil des Staatsgeheimnisses Kosmos war, hatten wir bisher nicht im Blick. Das ist tatsächlich neu (Foto: Bildangentur Kunz/augenklick).
 
sj: Warum ist diese Erkenntnis so wichtig?

Geipel: Das ist insofern relevant, weil die Athlet*innen in dem Sinne doppelt missbraucht wurden. Sie wurden gebraucht für den Glanz im Sport, und sie waren gleichzeitig Teil der Weltraumforschung, ohne dass sie Kenntnis hatten, was mit ihnen geschieht. Diese ganze Forschung war wie nach innen verklappt und streng geheim.
 
sj: Wie sah das genau aus?

Geipel: Die Forscher wurden geheimnisschutzverpflichtet. Wer zuwidergehandelt hätte, handelte sich hohe Haftstrafen ein. Daran sieht man, wie eminent wichtig der DDR diese Forschung war. Sie schützte dieses Geheimnis – dazu habe ich auch entsprechende Dokumente gefunden –, indem per Befehl über die Zeit im Sport wie in der Militärforschung Akten vernichtet wurden. Insofern lässt sich dieser Raum beschreiben, aber nicht auserzählen – schlicht, weil Dokumente bewusst gelöscht wurden.
 
sj: Sie schreiben dennoch in Ihrem Buch, dass Sie „dranbleiben, den Spuren folgen, das Bild zusammensetzen“ wollen. Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach, die weitere Aufklärung rund um das Weltraumprogramm der DDR voranzutreiben?

Geipel: Im Kern geht es um einen Konzeptkörper, und man sieht an dieser Forschung, dass man den Kommunismus am Himmel nicht nur ausrufen, sondern ihn tatsächlich real werden lassen wollte. Und natürlich musste der Kommunismus der Erste sein, der da oben die Realitäten schafft. Das klingt heute etwas surreal, aber es war ein Programm, in das unendlich viele Mittel geflossen sind. Der einzelne Mensch spielte unter dieser Ideologie überhaupt keine Rolle mehr.
 
sj: Können Sie das etwas ausführen?

Geipel: Es gibt Belege, dass man an Mädchen, an Kindern die Steroidforschung gemacht hat. Das sind Verbrechen, das ist gar keine Frage. Oft genug heißt es heute: Die Akte DDR ist geschlossen, es ist über 30 Jahre her. Der Begriff Diktatur wird schon gar nicht mehr in den Mund genommen. Aber jetzt ist es immerhin möglich, eine Tür in einen Bereich hochgeheimer Forschung aufzustoßen, hinter die wir noch gar nicht geschaut haben. Und damit stellt sich natürlich implizit die Frage: Was ist der Stand der Aufarbeitung? Ich denke, da haben wir noch ein paar ernste Schritte zu gehen.

Anna-Lou Beckmann arbeitet für den NDR. Sie ist Mitglied im Sportjournalisten-Verein Mecklenburg-Vorpommern.

Ines Geipel
„Schöner Neuer Himmel – Aus dem Militärlabor des Ostens“
Klett-Cotta, Stuttgart, Mai 2022
gebunden mit Schutzumschlag, 288 Seiten
ISBN-10: ‎ 3608984291
ISBN-13: ‎ 978-3608984293
22,00 Euro

03.06.2022






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