Aussteiger Frank Buschmann
Frank Buschmann (Foto: privat)

„Die Vollblutreporter sterben aus“

Für Frank Buschmann ist Schluss. Aber lediglich mit dem Fußball. Als Kommentator will er nach der nächsten Saison aufhören. Im Interview der sportjournalist-Serie „Einsteiger, Aussteiger, Umsteiger“ äußert sich das Münchner VDS-Mitglied zu seinen Beweggründen und übt deutliche Kritik an den für ihn hasenfüßigen Entscheidern in den Medienunternehmen.

Frank Buschmann, Jahrgang 1964, war Zweitliga-Basketballer und studierte an der DSHS Köln Medien und Kommunikation. Das Mitglied des Vereins Münchner Sportjournalisten kommentierte respektive kommentiert unter anderem für Sport1, Arena, Liga total, Sky und bei ProSiebenSat.1 schwerpunktmäßig Basketball, Fußball und die NFL, aber auch Funsport-Formate. Er ist Moderator, Autor und Show-Host. Mit dem Fußball ist allerdings bald Schluss: Buschmann hat seinen Abschied für nach der Bundesliga-Saison 2022/2023 angekündigt.

sportjournalist: Herr Buschmann, Sie kehren nach fast drei Jahrzehnten explizit dem Fußball den Rücken. Warum?

Frank Buschmann: Ich finde das Drumherum mittlerweile schwierig bis unerträglich. In dem Moment, in dem ich in der Konferenz bei Sky am Mikrofon bin, liebe ich meinen Job. Aber außerhalb der 90 Minuten sind mir die Leute im Geschäft zu viel geworden, die behaupten, sie machten das alles aus reiner Liebe zum Sport und für die Fans. Das ist verlogen.

sj: Sie sind als großer Verfechter des Profi-Zirkus in Übersee bekannt. Wie passt das mit diesem Widerwillen zusammen?

Buschmann: Der Vorwurf, ich sei inkonsequent, weil ich den US-Sport immer heiligsprechen, dem Fußball aber Kommerzialisierung vorwerfen würde, kommt oft. Das liegt daran, dass viele den Unterschied der beiden Sportsysteme nicht begreifen: In den USA spielt sich Sport bis unmittelbar unterhalb des Profibereichs in Schulen und Colleges ab. Das ist Amateursport. Danach geht es den Besitzern von Franchises und den Sportlern darum, das große Geld zu verdienen. Das wird dort aber ganz offen gesagt. Und wenn dabei noch ein großes Spektakel für die Fans abfällt – umso besser.

sj: Es fehlt in Deutschland also vorrangig an Transparenz?

Buschmann: Ja. Und zwar auch im Journalismus. Wie oft habe ich gehört: „Wir müssen ein bisschen vorsichtig sein, wir wollen ja die Rechte wieder kriegen.“ Oder: „Wir wollen ein gutes Verhältnis zu denen.“ Natürlich gibt es Abhängigkeitsverhältnisse. Und wenn wir ehrlich sind, weiß das auch jeder. Allein der Umstand, dass die Pressesprecher festlegen, welche Spieler zum Interview erscheinen, ist ein Witz (Foto: TV-Übertragung aus Fußballstadion: GES-Sportfoto/Markus Gilliar/augenklick).

sj: Das ist aber schon länger so. Was hat sich so negativ entwickelt, dass es Ihnen reichte?

Buschmann: Reporter bei Streaming-Diensten oder im TV sind oft wahnsinnig weichgespült, weil sie niemandem weh tun wollen. Da ist eine unglaubliche Angst davor, was die DFL, der Klub, der Trainer oder die Spieler denken. Aber dafür ist man nicht Reporter. Dieses Bemühen, niemandem auf die Füße zu treten, tötet jede Leidenschaft. Genau dasselbe gilt, wenn jemand kommentiert wie auf einem Trainerseminar: Das gefällt angehenden Bundesliga-Trainern gut, weil ich ihre komplette Fachterminologie unterbringe, ich kommentiere aber am Gros der Zuschauer vorbei.

sj: Wozu führt das aus Ihrer Sicht?

Buschmann: Die Vollblutreporter sterben aus. Und damit auch die, die ein Gespür dafür haben, was großen Sport ausmacht; die, die sich keine Platte machen, ob sich irgendwo bei einem Klub oder in Sozialen Netzwerken einer aufregt, weil sie vielleicht nicht ganz den richtigen Ton getroffen haben. Das ist tragisch. Wer sich mal anhört, wie ich in meinen Anfangsjahren die Basketball-Nationalmannschaft kommentiert habe – das hatte mit Sportjournalismus nur sehr begrenzt zu tun. Das würde ich heute so sicher nicht mehr machen, aber ich war immer aus Leidenschaft Sportreporter. Diese Leidenschaft können sich junge Kollegen kaum noch leisten.

sj: Warum nicht?

Buschmann: Die Sender wollen Reporter, die polarisieren. Aber die muss man entwickeln und sie Erfahrungen machen lassen. Als Arbeitgeber muss man es dann eben mal aushalten, wenn sich die Bayern oder Dortmund – womöglich sogar zu Recht – beschweren. Da müssen Sender das Rückgrat haben, zu sagen: Selbstverständlich kommentiert der euch trotzdem weiterhin. Ich gehöre nicht zu denen, die große Sorgen haben müssen. Ich war 25 Jahre lang immer relativ weit oben in der Nahrungskette und durfte eigentlich immer reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Aber wenn ich mich jetzt in die Rolle junger Reporter und ihre Berufsrealität versetze, dann ist das kein Traumjob mehr.

Mit Frank Buschmann sprach Katrin Freiburghaus. Sie arbeitet von München aus als Freelancerin, unter anderem für Süddeutsche Zeitung und SID. Hier geht es zu ihrem Xing-Profil.

02.08.2022






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