Interview zur Ullrich-Doku-Serie
Lance Armstrong (links) und Jan Ullrich (rechts) bei der Tour de France 2005 (Foto: GES-Sportfoto/Annegret Hilse/augenklick)

„Seine Geschichte passt in drei Leben“

NDR-Mann Ole Zeisler hat für die ARD-Doku-Serie „Being Jan Ullrich“, die er mit seinem Kollegen Uli Fritz verwirklichte, viel Lob eingeheimst. Im Interview mit sportjournalist-Autor Ruben Stark spricht der 44-Jährige über Ullrich als ewig Suchenden und erklärt, warum er dem Tour-Sieger von 1997 raten würde, reinen Tisch zu machen.

Ole Zeisler, Jahrgang 1978, arbeitet als Freier für den Norddeutschen Rundfunk. Er ist Mitglied im Verein Hamburger Sportjournalisten. Die fünfteilige Doku-Serie über Jan Ullrich können Sie hier in der ARD-Mediathek anschauen.

sportjournalist: Herr Zeisler, Sie haben in einem Zeit-Interview mal über den Fußball gesagt: „Sobald ich Fan bin, will ich leiden.“ So gesehen ist Jan Ullrich für seine Fans quasi der Inbegriff des Mitleidens bei all diesen Aufs und Abs.

Ole Zeisler: Völlig richtig. Man leidet, man fühlt ein Leben lang mit als Fan. Gerade wenn es nach der Karriere so bergab geht. Der Vergleich zu Boris Becker wurde ja auch gezogen. Es gab auch da viele, die dachten: Was da alles abging, das kann man einfach nicht gut ertragen. Das sind alles Leute, die uns irgendwie irgendwas gegeben haben. Man fühlt sich dem Sportler deshalb auch über das Karriereende hinaus nahe.

sj: Woher kommt Ihre Verbindung zum Radsport?

Zeisler: Ich habe in den Miguel-Indurain-Jahren angefangen zu schauen. Das war auch dadurch bedingt, dass wir als Familie viel in Frankreich im Urlaub waren. Seit kurzem fahre ich auch selber Rennrad. Da habe ich während der Pandemie gedacht, das wäre eine gute Idee. Intensiver schaue und berichte ich so in etwa seit 10 bis 15 Jahren über den Radsport (Ullrich-Foto: GES-Sportfoto/Annegret Hilse/augenklick).

sj: Wie kam es zu dem Projekt? War es schlicht das bevorstehende 25-jährige Jubiläum von Ullrichs Tour-Sieg?

Zeisler: Die Idee geisterte Uli Fritz und mir schon lange durch den Kopf. Nach dem Film „Deutschland (k)ein Sommermärchen“ mit Ben Wozny, in dem wir die Tour 1997 nacherzählt haben, sind wir mit Protagonisten und auch mit dem Lager Ullrich in Kontakt geblieben. Der SR hatte eine ähnliche Idee, und dann haben wir damit im vergangenen Herbst begonnen, um den Film für diesen Sommer zu produzieren. Es war früh klar, dass wir eine Doku-Reihe machen würden, und damit war auch klar, wir haben viel Zeit, viel Sendezeit zur Verfügung. Das war ganz gut, und da haben wir dann schnell festgelegt: Lasst es uns vollständig erzählen, lasst uns die gesamte Lebensgeschichte erzählen.

sj: Vor welchem Hintergrund?

Zeisler: Auch, um dem Zuschauer die Möglichkeit zu bieten, sein Bild über Jan Ullrich zu überdenken, vielleicht neue Perspektiven zu sehen. Es ging gar nicht darum, sich damit auf eine Seite zu schlagen. Es war einfach interessant, die Frage zu stellen: Wie guckt man heute darauf? Damals waren so viele Emotionen im Spiel, positiv wie negativ. Und dann war mit unserem starken Archiv im Sender das Motiv, ein neues Verständnis für diese vielschichtige Situation zu entwickeln, eine zweite, eine dritte Perspektive zu finden. Wir sind richtig fertig geworden, also wirklich fertig, fertig, zwei Tage vor der Veröffentlichung am 23. Juni. Davor lagen sechs Wochen im Schnitt mit einem Filmmaterial, das Hunderte Stunden umfasste (Zeisler-Foto: NDR/ARD).

sj: Was bleibt für Sie hängen nach dieser intensiven Auseinandersetzung mit Jan Ullrich?

Zeisler: Jan Ullrichs Geschichte passt in drei Leben. Er galt früh als heimatlos mit den Umzügen nach Berlin, nach Hamburg, dann nach Merdingen. Es ist, wie ich finde, eine beispielhafte Lebensgeschichte eines ewig Suchenden. Jan Ullrich war nie fürs Rampenlicht gemacht. Wenn dann so etwas auf jemanden einprasselt, kommt er damit nicht zurecht. Da sind so viele Ebenen dabei mit all den Leuten in seinem Umfeld. Er war leider – wie auch einige seiner Ratgeber – extrem beratungsresistent. Am Ende hat Jan Ullrich auch oft gemacht, was Jan Ullrich für das Beste hielt.

sj: Wie war die Resonanz bisher?

Zeisler: Die Resonanz war ganz ehrlich überraschend gut. Es ist klar, dass der Name erstmal zieht, das ist ein Einschaltimpuls. Aber die Reaktionen waren wirklich überbordend positiv, auch die Zahlen beim Sender sind anscheinend ziemlich super. Das breite Echo der Zuschauer und das mediale ist richtig gut. Was wir so gehört haben, fühlt sich Jan auch ganz okay dargestellt – ohne dass das für uns ein Maßstab gewesen wäre. Lance Armstrong muss in seinem Podcast die Doku erwähnt haben, er hätte sie auch geguckt und gut gefunden, obwohl er nur wenig verstanden habe. Es war die große Frage und irgendwo auch die Unsicherheit, die Uli Fritz und ich hatten, ob wir bei der Doku die richtige Temperatur treffen würden. Das ist anscheinend gelungen.

sj: Welche Momente bei den Dreharbeiten waren besonders eindrücklich?

Zeisler: Es war schon spannend, Lance Armstrong in Aspen zu begegnen. Er gibt ja eigentlich keine Interviews, aber das hat er zugesagt. Mike Baldinger, der den Kontakt aus Merdingen zu ihm hält, hat für uns gefragt, und dann hat er schnell gesagt, dass er mitmacht. Wir haben ihn als entspannten, angenehmen Typen erlebt, der sehr in sich ruhend wirkt. Aber auch die Gespräche mit Udo Bölts und Rolf Aldag, die beide gefestigt wirken, waren spannend. Auch der Ort Merdingen ist spannend, wie die Leute dort zu Jan Ullrich stehen. Soll das Straßenschild weg? Ja oder nein? Sind wir stolz auf ihn oder nicht? Die Menschen tun sich schwer. Oder auch die alten Trainer, Peter Sager und Peter Becker: Es ist interessant, wie die mit sich ringen in der Betrachtung (Armstrong-Foto: NDR/ARD).

sj: Reinhold Beckmann deutet am Ende der Doku an, dass ein klares Reinen-Tisch-Machen noch immer funktionieren könnte für Ullrich. Wie sehen Sie das?

Zeisler: Ich glaube, dass es zu spät ist. Ich glaube, mittlerweile ahnen oder wissen eh alle, dass da etwas war. Und ich weiß nicht, wie viele Probleme Jan Ullrich dann bekommt, wenn er alles auf den Tisch packt. Fakt ist: Bei der Tour ist er immer noch unerwünscht. Wenn er alles sagt und wirklich Dinge aufs Spiel setzt, dann wäre das aber schon noch mal ein Schritt vor allem für ihn. Ich glaube, dass es für ihn wichtiger wäre, diesen Rucksack abzulegen, um – ich will’s mal so sagen – etwas mehr seine Mitte zu finden und nicht mehr diese Ausbrüche zu haben. Wer weiß, ob er in einem halben Jahr nicht wieder nach Kuba fliegt. Und diese jüngere Geschichte, das ist sowieso eine andere. Aber dieser Tag in Hamburg im Februar 2007 (als Ullrich seinen Rücktritt bekannt gab; die Red.), der war so naiv, da war er so schlecht beraten, erst mit dieser Pressekonferenz und dann dem Auftritt bei Reinhold Beckmann. Sich so hinzusetzen, da hat die breite Öffentlichkeit auch gesagt: Geh’ mir weg mit dem! Das war eine so eigenartige Flucht nach vorn, das war so skurril.

sj: Was haben Sie gelernt über den Medienmenschen Ullrich und den Umgang mit ihm in den Medien?

Zeisler: Was wie so häufig mitschwingt, ist, dass wir Medien gerade Einzelsportler viel zu schnell hochjazzen. Wir schüren damit viel zu sehr die Erwartungen, dafür ist Jan Ullrich das beste Beispiel. Die Leute, die sich mit dem Radsport nicht so gut auskennen, haben gedacht: Der gewinnt jetzt immer, und das müsse einfach so sein. Dieses Herangehen hat sich in manchen Bereichen gebessert, aber eben nur in manchen. Man sollte nie vergessen: Da geht es um die Menschen, und da gibt es einfach unterschiedliche Charaktere. Boris Becker ist mit dem ganzen Hype als 17 Jahre alter Wimbledon-Sieger trotz allem viel besser zurechtgekommen als Jan mit seiner Situation. Es ist einfach ein Riesenproblem, dass wir uns zu sehr mitreißen lassen. Das darf nicht wieder so passieren. Denn gerade bei Einzelsportlern kommt der Fall oft viel zu schnell.

Ruben Stark arbeitet von München aus als Freelancer, unter anderem für ran.de und spox.com. Hier geht es zum LinkedIn-Account des früheren SID-Redakteurs.

02.08.2022






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