kicker-Chefredakteur Jörg Jakob im Interview
kicker-Chefredakteur Jörg Jakob (Foto: Ina Fassbender)

„Auch in fünf Jahren wird es ein Sonderheft geben“

Ein Sonderheft zur Fußball-Bundesliga, das schon bei Erscheinen nicht mehr aktuell ist – wie sinnvoll ist das noch? Im Interview mit sportjournalist-Autor Maik Rosner spricht kicker-Chefredakteur Jörg Jakob über das „Kult- und Sammelobjekt“ aus seinem Hause und erklärt, warum dieses sehr wohl noch zeitgemäß ist.

sportjournalist: Herr Jakob, am 14. Juli kam das kicker-Sonderheft zur Bundesliga-Saison 2022/2023 heraus. Wie sehr freuen Sie sich als Chefredakteur auf so einen Erscheinungstag? Und wie sehr ärgern Sie sich, dass die Aktualität dann manches schon überholt hat?

Jörg Jakob: Zunächst freue ich mich, dass am Tag zuvor bereits ein Foto des druckfrischen Hefts bei Instagram für viele positive Reaktionen gesorgt hat. Es gibt jede Menge Menschen, die auf das Sonderheft warten. Das ist auch eine Bestätigung für die Redaktion, für die es Jahr für Jahr schwieriger wird in der Produktion.

sj: Inwiefern?

Jakob: Der Zwiespalt ist ja nicht neu: Eine Redaktion wünscht sich immer den spätestmöglichen Andruck - und ein Vertrieb immer den frühestmöglichen. Dass das Transferfenster bis weit nach dem Saisonstart geöffnet ist, nervt natürlich schon. Aber das ist keineswegs neu und zweifelhaft nicht nur mit Blick aufs Sonderheft, sondern für den Sport insgesamt. Es tauchen auch immer wieder zuvor so nicht gekannte Tücken auf. Diesmal steckten zum Beispiel Trikotsätze noch im Container-Stau, wodurch es bei dem einen oder anderen Fototermin zu Verzögerungen kam.

sj: Bei Ihrem Redaktionsschluss war zum Beispiel noch unsicher, was beim FC Bayern mit Robert Lewandowski passiert, ob Matthijs de Ligt kommt und Serge Gnabry verlängert. Ist ein Sonderheft mit Kaderlisten als zentralem Bestandteil noch zeitgemäß?

Jakob: Zeitgemäß ist es allein deshalb, weil es Hunderttausende Menschen gibt, die das Sonderheft kaufen. Und nochmal: Transferschluss ist doch schon seit einer gefühlten Ewigkeit erst, wenn schon drei, vier Spieltage absolviert sind (Cover-Abbildung: Olympia-Verlag/kicker).

sj: Können Sie konkrete Zahlen zur Auflage und deren Entwicklung nennen?

Jakob: Die Druckauflage beträgt heute 700.000 Exemplare. Die mir bekannten Verkaufszahlen liegen bei über 400.000 Heften.

sj: Gibt es Überlegungen, das Sonderheft inhaltlich grundlegend zu verändern, weil viele Informationen tagesaktuell im Internet abrufbar sind?

Jakob: Wir haben das Sonderheft bereits peu à peu weiterentwickelt, mit mehr übergreifenden Geschichten als früher. Es ist mehr Lesestoff drin als die reine Grundversorgung mit Daten und Fakten. Die Kollegen haben eine neue Lockerheit reingebracht. Überlegungen, wie man das Kultobjekt Sonderheft für die Zukunft aufstellt, stellen wir natürlich weiterhin an.

sj: Welche?

Jakob: Wir beobachten den Markt sehr genau. Alle Fragen, die Sie stellen, stellen wir uns natürlich auch. Zugleich müssen wir daran denken, dass es einen stabilen Kundenstamm gibt, der das Sonderheft als Kult- und Sammelobjekt betrachtet. Der Aufschrei war zum Beispiel groß, als wir einmal auf die Abschlusstabellen aus dem Ausland verzichtet haben. Sicher ist: Wir haben mit dem Original eine sehr gute Grundlage, auf der man weiter bauen und sich weiterentwickeln kann.

sj: Was macht das Sonderheft Ihrer Ansicht nach aus?

Jakob: Alles Wichtige zu den drei höchsten Ligen ist gebündelt, mit einer unglaublichen Info- und Datenfülle. Dadurch eignet sich das Sonderheft weiterhin als Saisonbegleiter, zumal sich die Menschen darauf verlassen können, dass die Fakten stimmen. Sie erhalten sie quasi auf einen Blick – mit den kompetenten Einordnungen der verlässlichen kicker-Reporter. Nicht zu vergessen: Direkt nach dem Ende der Wechselperiode kommt der aktuelle, vollständige Nachtrag.

sj: Wird nicht mittlerweile hauptsächlich online nachgeschlagen?

Jakob: Mein Kollege Bernd Salamon, der die redaktionelle Produktion unserer Sonderhefte steuert, macht mit seiner Familie bei Live-Übertragungen öfter ein Frage-Spiel. Zum Beispiel: Wie groß ist Mats Hummels? Was war sein erster Verein? Die Kinder suchen online, die Eltern schlagen das kicker-Sonderheft auf. Nicht selten gewinnen die Älteren, weil sie die Antwort schneller parat haben (Hummels-Foto: sampics photographie/Stefan Matzke/augenklick).

sj: Wie lange dauert der Produktionsprozess? Wie viele Tage vor dem Erscheinungstermin ist Redaktionsschluss?

Jakob: Die Planung beginnt schon Monate zuvor und die Hauptproduktion rund vier Wochen, bevor das Sonderheft in den Handel kommt. Dennoch: Für die Redaktion, die Grafik und die Fotoredaktion spitzt sich alles in einer mittlerweile sehr heftigen letzten Woche zu. Das letzte Mannschaftsfoto wurde 75 Minuten vor dem Redaktionsschluss geschossen.

sj: Wie wirtschaftlich ist das Sonderheft noch?

Jakob: Das Sonderheft ist nach wie vor eine ganz wichtige und solide Erlössäule unter den Printprodukten beim kicker. Im Anzeigenmarkt sind wir sehr stabil.

sj: Die Sportbild hat ihr Sonderheft einen Tag vor dem kicker herausgebracht. Wie sehen Sie diese Konkurrenzsituation?

Jakob: Natürlich ist das ein Mitbewerber. Aber wir halten das so wie eine Fußballmannschaft, die ihr Spiel durchbringen möchte und sich nicht zu sehr am Gegner orientiert. Wir achten vor allem auf die Rückmeldungen unserer Leser und weniger darauf, was andere machen.

sj: Wie stellen Sie sich die Zukunft des kicker-Sonderhefts vor?

Jakob: Auch in fünf Jahren wird es ein Sonderheft geben. Eher in einer noch hochwertigeren Print-Erscheinungsform als heute statt in einer einfacheren. Zudem werden wir uns in der crossmedialen Vernetzung dieses Produkts weiterentwickeln.

sj: Ihre Online-Redaktion feiert in diesen Tagen ihr 25-jähriges Bestehen. Besteht die Gefahr, dass ein erfolgreicher Online-Auftritt Druckerzeugnisse wie den kicker oder das Sonderheft auf Dauer überflüssig macht?

Jakob: Aus dieser Frage klingt immer noch der frühere Kannibalismus-Ansatz durch, der sich als falsch erwiesen hat. Der kicker erreicht heute 13 Millionen Menschen im Monat. Der Marke geht es so gut wie nie zuvor. Wenn Auflagen von Printerzeugnissen zurückgehen, liegt das nicht am überaus erfolgreichen und anerkannt starken digitalen Angebot und ebenso wenig an der redaktionellen Qualität unserer Hefte, sondern in erster Linie schlicht an einem sich verändernden Mediennutzungsverhalten.

Zum Autoren Maik Rosner: Studium der Sportwissenschaft, danach vier Jahre lang Redakteur bei der Nachrichtenagentur Sport-Informations-Dienst. Anschließend freier Korrespondent, zunächst in Südafrika, später in Brasilien, ehe er wieder nach München zurückkehrte.

02.08.2022






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