Medienexperte Christoph Bertling im Interview
Christoph Bertling (Foto: DSHS)

„Die Zeitungslandschaft muss sich neu definieren und aufstellen“

Die Medienwelt verändert sich fortwährend. DSHS-Wissenschaftler Dr. Christoph Bertling spricht im Interview mit sportjournalist-Autor Maik Rosner über die massiven Umbrüche im Sportjournalismus, die seiner Meinung nach falschen verlegerischen Reaktionen und die Chancen, die in der Konzentration auf Qualität liegen

Dr. Christoph Bertling ist stellvertretender Leiter des Instituts für Kommunikations- und Medienforschung der Deutschen Sporthochschule Köln. Er verfügt über eine langjährige Berufserfahrung als (Sport-)Journalist.

sportjournalist: Herr Bertling, wie lässt sich die aktuelle Situation im Sportjournalismus beschreiben?

Christoph Bertling: Es gibt viele Veränderungen, sogar Verwerfungen. Vor allem für manch klassische Medien ist es existenziell schwierig geworden.

sj: Was meinen Sie konkret?

Bertling: Wir haben inzwischen eine ganz andere Infrastruktur für die Verbreitung von Informationen. Jede*r kann kommunizieren. Dadurch ist der Konkurrenzdruck viel größer geworden und damit auch das Beziehungsgeflecht für den Journalismus. Was früher das originär Journalistische war, die Gatekeeper-Funktion und Weitergabe von Informationen, funktioniert nicht mehr.

sj: Was folgt daraus?

Bertling: Jede*r, der sich auf diese klassische Aufgabe reduziert, wird große Probleme bekommen. Das betrifft besonders den Printbereich. Die Zeitungslandschaft muss sich neu definieren und aufstellen.

sj: Welche Konsequenzen müssen gezogen werden?

Bertling: Man muss innovativer werden und auch ein anderes Qualitätsverständnis entwickeln. Es geht vor allem um die Qualität der Information. Das allerdings beinhaltet eine große Schwierigkeit: Medien sind Vertrauensgüter, doch selbst wenn ein*e Journalist*in in eine enorme Qualität investiert, wird das Publikum dies höchstwahrscheinlich nicht goutieren und auch nicht mehr Geld dafür bezahlen, weil es die Qualität und den Mehraufwand meist gar nicht sehen kann. Die Investitionen in Information sichtbar zu machen, ist eine große Aufgabe.

sj: Müsste den professionell journalistischen Medien nicht umso mehr Vertrauen entgegengebracht werden, weil die verbreiteten Inhalte von Sportler*innen, Vereinen und Verbänden vor allem der PR dienen? Warum wird die journalistische Qualität dennoch immer weniger honoriert?

Bertling: Ich denke, weil wir eine Schere im Sportjournalismus haben. Einerseits promotet der Journalismus den Sport auch, indem es Live-Ereignisse gibt, Helden geschaffen werden oder Storytelling betrieben wird. Es gibt auch eine andere Seite: die der harten journalistischen Kriterien. Die sind enorm wichtig. Das Problem ist leider nur: Die Leute goutieren die nicht so stark. Sie erwarten vom Sport vor allem Show und Unterhaltung. Und wenn man ehrlich ist: Genau davon wollen die Verlage und Medienanstalten auch profitieren und Reichweite erzielen.

sj: Sie sprechen sogar davon, dass sich das Berufsbild Sportjournalist*in teils auflöst.

Bertling: Nehmen wir zum Beispiel die Remote-Techniken, die zunehmen. Also dass man gar nicht mehr rausgeht, sondern zugespielten Content nutzt. Wie soll man es dann schaffen, nicht von der PR beeinflusst zu werden? Das geht gar nicht. Man sieht auch, dass das Handwerk im Journalismus gelitten hat. Ein weiteres Beispiel für die Auflösung des Berufsbildes ist die Verwendung der Berufsbezeichnung. Viele PR-Beschäftigte nennen sich auch Journalist*in, erfüllen aber eine konträre Funktion. Das Berufsverständnis löst sich also auf, ebenso das inhaltliche Verständnis, ob ein*e Journalist*in kritisch sein oder unterhalten muss.

sj: Gerade im Sport scheint oft Letzteres erwartet zu werden.

Bertling: Das liegt auch daran, dass die Unterhaltung schon immer die Lebensader des Sportjournalismus war und das Kritische eher begleitend stattfand. Diesen Anteil zu erhöhen, darin liegt auch eine große Chance, um den Mehrwert von qualitativem Journalismus deutlicher sichtbar zu machen. Das kostet zwar Reichweite, aber ich glaube, man hat gar keine andere Wahl.

sj: Kann man so der vermeintlichen Entwertung des Journalismus entgegenwirken?

Bertling: Man muss den Rezipienten den Mehrwert der kritischen, journalistischen Einordnung verdeutlichen. Was einen als Journalist*in immer interessant und sexy gemacht hat – die Live-Berichterstattung, die Unterhaltung, die Nähe zu den Stars und daraus interessante Geschichten zu kreieren –, das werden zunehmend andere für sich in Anspruch nehmen. Wie die Vereine und Veranstalter. Umso wichtiger wird es für den Sportjournalismus, kritisch und investigativ zu sein, neue Ansätze und Blickwinkel zu entwickeln, viel stärker einzuordnen. Auch eine Akademisierung kann sehr sinnvoll sein, zum Beispiel der richtige Umgang mit Quellen, weil vieles als PR oder sogar Fake News verbreitet wird. Indem man diese entlarvt, kann Vertrauen in den Journalismus entstehen oder gestärkt werden. Das sehe ich als Chance, gerade auch für die Zeitungen.

sj: Was Sie beschreiben, kostet Zeit. Zugleich dreht sich das Rad immer schneller und es steht immer weniger Personal zur Verfügung.

Bertling: Verlage reagieren auf die Veränderungen mit Verknappung. Sie sind nicht innovativ, sondern sparen Personal ein und sich damit zu Tode. Das Produkt leidet, es kommt zu einer Abwärtsspirale. Ich denke, dass man sich im Journalismus wieder risikofreudiger aufstellen muss. Man müsste viel mehr in Ideen investieren und den Journalisten viel mehr Luft zum Atmen lassen.

sj: Wie bewerten Sie den immer noch geringen Frauenanteil im Sportjournalismus?

Bertling: Die jüngsten mir bekannten Studien weisen einen Frauenanteil von neun bis elf Prozent aus. Kommentatorinnen sind noch unterrepräsentierter. Lösen kann man das Problem aber nicht, indem man nur die Quote hebt. Man muss das Berufsfeld durchlässiger machen. Die Nachfrage von den Frauen ist ja da. In den Redaktionen sollte man auch viel stärker an Frauen als Zielgruppe denken.

sj: Welche Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden Jahren im Sportjournalismus?

Bertling: Die Kommunikationswelten werden immer größer, die Machtverschiebung zwischen PR und Sportjournalismus dürfte sich fortsetzen. Und je größer die Welt der Unterhaltung wird, desto stärker muss sich der Sportjournalismus darauf konzentrieren, die Dinge kritisch einzuordnen. Der Sportjournalismus muss seine klassische Aufgabe wiederfinden und sollte sich fragen: Gehöre ich nicht auf die andere Seite? Das wird wehtun. Aber daraus kann eine enorme Stärke entstehen. Die klassische Aufgabe des Journalismus ist ja wahnsinnig wichtig. Sonst hätten wir keine kritische Einordnung mehr. Wer sonst sollte die vornehmen? Daran hat ja niemand ein Interesse.

Zum Autoren Maik Rosner: Jahrgang 1976, Studium der Sportwissenschaft, danach vier Jahre lang Redakteur bei der Nachrichtenagentur Sport-Informations-Dienst. Anschließend freier Korrespondent, zunächst in Südafrika, später in Brasilien, seitdem wieder in München. Mitglied des dortigen VDS-Regionalvereins.

01.09.2022






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