Dopingforscher Werner Franke
Dopingforscher Werner Franke: „Der Berufsstand der Sportjournalisten hat im Anti-Doping-Kampf wenig beigetragen“ (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

„Die Sportjournalisten jubeln sich einen ab“

Werner Franke ist einer der international führenden Doping-Experten. Der Professor für Zell- und Molekularbiologie kritisiert die Zunft der Sportjournalisten scharf. Diese leisteten durch Wegschauen „Betrug am Volk“.

Der Professor für Zell- und Molekularbiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg erhielt 2004 mit seiner Ehefrau Brigitte Berendonk wegen des gemeinsamen Kampfes „gegen die menschenverachtenden und kriminellen Methoden des Dopings“ das Bundesverdienstkreuz. Werner Franke (Foto: Kunz/Augenklick) übt seit Jahren scharfe Kritik an der aus seiner Sicht dopingvertuschenden Berichterstattung der Medien.

sportjournalist: Herr Professor Franke, ist der landesweite Aufschrei, den es gab, nachdem die Fußballklubs VfB Stuttgart und der SC Freiburg mit Doping in Verbindung gebracht worden waren, schon verhallt?

Werner Franke: Ich denke, wenn die Berichte endgültig publik werden, wird die Debatte noch einmal aufflammen, aber ich erwarte dann kein großes Nachbeben mehr. Das liegt auch an der Zunft der Sportjournalisten. Dieser Berufsstand hat im Anti-Doping-Kampf wenig beigetragen. Nur vereinzelt.

sj: Sie sprachen zuletzt von einer „besonderen Spezies“. Was meinen Sie?

Franke: Innerhalb der Gattung Sportjournalist ist das Individuum, das kritisch hinterfragt und die reine Wahrheit sucht, vom Aussterben bedroht. Das Entscheidende ist: Wenn es um Rekorde geht, um Medaillen, um Triumphe, gibt es immer nur Jubel, Jubel, Jubel. Die Sportjournalisten jubeln sich einen ab – mir fehlt da viel zu oft das kritische Hinterfragen. Das war früher mehr. Heute kommen sportpolitisch brisante Sachen so gut wie nie ans Tageslicht. Das ist Betrug am Volk.

sj: Können Sie konkrete Beispiele dafür nennen, was Sie stört?

Franke: Etliche. Es wird auch zu oft herumlaviert. Ich verstehe den Berufsstand Sportjournalist nicht. Ich habe immer den Eindruck, Sportjournalisten verstehen sich als Schützer des Sports. Als im deutschen Radsport in Sachen Doping alle Dämme brachen, sagte ein Journalist einmal abends bei einem Bier zu mir, das habe er alles gewusst, aber nicht geschrieben, weil er selbst einfach Fan ist. So was geht doch nicht!

sj: Der Fußball ist hierzulande die zuschauerträchtigste Sportart und inszeniert sich gerne als große Familie ...

Franke: ... das macht alles noch schlimmer.

sj: Sind deshalb die meisten Fußballjournalisten schon zu sehr in die Familie integriert?

Franke: Integriert ist ein zu schönes Wort. Teilabhängig trifft es besser. Es ist ja klar: Je größer der Erfolg einer Sportart, desto größer das Interesse – und die jeweiligen Berichterstatter bekommen in der Zeitung mehr Zeilen, im Fernsehen längere Sendezeiten. Hinzu kommt, dass viele davon abhängig sind, nett zu schreiben, um an Informationen zu kommen und Kontakte zu wahren. Dabei muss man doch auch Missstände klar benennen können. Doping ist ein Verbrechen. Man verabreicht keine Mittel an Nicht-Kranke. Es ist eine ethische Verpflichtung für Journalisten, Aufklärung zu leisten. Wenn man das nicht tut, ist das eine geistige Anstiftung zu Körperverletzung. Die Sportverbände halten auch überall ihre Hand drauf. Funktionäre wollen gewählt werden, da sind Nestbeschmutzer natürlich nicht gefragt.

sj: Nicht nur die Sportpolitik hält ihre Hand über ihre Helden.

Franke: Ich gebe Ihnen recht, dass das Problem vielschichtig ist. Wenn sich sogar Minister mit Sportlern, die nachweislich gedopt und damit Verbrechen begangen haben, fotografieren lassen, sage ich natürlich auch: Das geht doch nicht! Aber es ist ja klar durch Fotos etc. belegbar, dass die Politik auf dem Standpunkt steht, dass man sich mit Sport schmücken kann und soll. Weil die Wähler ihre Helden in kurzen Hosen lieben. Warum ist denn Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Fußball-WM? Ich habe da eigentlich den Eindruck, sie weiß gerade einmal, dass der Ball rund ist. Aber es kommt gut an, sich da jubelnd zu zeigen. Und die Journalisten finden das toll, da gibt es kaum Hartes, Kritisches dazu.

sj: Der Fußball verweist immer wieder darauf, dass bei Kontrollen so gut wie nichts entdeckt wird.

Franke: Die Kontrollen sind lächerlich. Es gibt Substanzen, die verflüchtigen sich viel zu schnell. Deshalb ist ja auch wichtig, Fußballklubs in Wettkampfpausen, etwa im Trainingslager, oder bei Spielern im Aufbautraining zu prüfen. Wenn am Wochenende gespielt wird, wird unter der Woche natürlich nichts verabreicht. Das ist klar. Da finden Sie nichts.

sj: Im Gegensatz zu anderen Sportarten gibt es bisher keinen ehemaligen Fußballstar, der an den Langzeitfolgen von Doping verstorben ist.

Franke: Mit solchen Aussagen wäre ich vorsichtig. Das wird meines Erachtens einfach zu wenig verfolgt. Und wir haben im Fußball immer wieder plötzliche Herztode, teils mitten auf dem Feld. Dass Doping im Fußball nichts bringen soll, ist sowieso eine Mär und längst widerlegt. Wer das negiert, ist realitätsblind.

Mit Werner Franke sprach Andreas Werner

Eine längere Fassung des Interviews mit Werner Franke findet sich im sportjournalist. Heft- und Abobestellung sind direkt beim Meyer & Meyer Verlag möglich. VDS-Mitglieder können sich das Heft im Mitgliederbereich als pdf herunterladen.


06.01.2016






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