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Hoffen auf noch einige Football-Finals (Screenshot: Website Wait But Why)

Aktives und passives Jenseits

Der Grafiker Tim Urban ist ein kluger Kerl. Auf seiner Website zeigt er anschaulich, was er in seinem Leben noch alles wird machen können. Ein paar Super Bowls bekommt er noch mit – zum Glück.

Von Clemens Gerlach

Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten. Ohne Nachspielzeit. Wie lange dauert ein Leben? Das hängt natürlich davon ab, wo man lebt, welchem Geschlecht man angehört und ob man einen Lebenswandel pflegt, der gemeinhin als reich an Risikofaktoren gilt. Rein statistisch beträgt die Lebenserwartung eines 2015 in Deutschland geborenen Jungen durchschnittlich 77,75 Jahre, die eines Mädchens liegt bei 82,83 Jahren. Der geschlechtsneutrale Bundesbürger bringt es also im Mittel auf 80,29 Jahre. Ist das viel? Oder wenig? Es sind rund 42,2 Millionen Minuten oder gut 468.893 Fußballspiele. Ohne Nachspielzeit.

Sportjournalisten besuchen – natürlich aus rein beruflichen Gründen – Fußballspiele oder andere Sportveranstaltungen. Wie viele Partien werden es wohl innerhalb eines Lebens sein? Wie viele Turniere, Regatten oder Leichtathletik-Meetings? Es gibt Kollegen, die führen akribisch Listen über die Events, denen sie beiwohnen durften. Groundhopper zählen voller Stolz die Stadien, die sie schon besucht haben.

Tim Urban macht es umgekehrt. Der Designer aus den USA hat Grafiken erstellt, die zeigen, was er alles noch in seinem estlichen Leben wird machen können. Nein, der am Wesen der Existenz interessierte Urban ist nicht dem Tode geweiht, sondern 34 Jahre alt, bei guter Gesundheit und geht davon aus, die 90 hinzukriegen (was ihm und anderen vergönnt sei).

Bei all dem Zeichnen und Illustrieren wurde Urban eines bewusst: Seine irdische Zeit ist endlich. So wird er, wenn es gut läuft und er tatsächlich die 90 Jahre erreichen sollte, nur noch 56 Super Bowls verfolgen können (Foto: firo/Augenklick). Er wird eben so viele Winter erleben. Bei der Anzahl der Bücher, die er noch lesen wird, bekam er wirklich einen Schreck. Pro Jahr schafft er fünf der dicken Werke, macht bis zu seinem 90. und finalen Lebensjahr noch 280 Bücher. Ist das viel? Oder wenig? Was sind 56 Endspiele der Champions League? Was 28 Ryder Cups? Was 14 Olympische Sommerspiele?

Wahrscheinlich ist es gut, nicht zu wissen, wann für einen der Schlusspfiff ertönt. Wo wir gerade beim Sinnieren sind: Wer leitet eigentlich die Partie? Falls Sie sich jetzt Hoffnungen machen, seien Sie bitte nicht zu enttäuscht, wenn es keine Gewissheit geben sollte. Ertragen Sie die Unsicherheit. Denn wegen aktivem und passivem Jenseits haben sich schon einige richtig in die Wolle gekriegt.

21.03.2016






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