Kolumne „Einwurf“
Basketball-Star Dirk Nowitzki: Trauriger Riese (Foto: Lukas Schulze)

„Bilder sind seine Seele“

Manche Fotos drücken so viel aus, dass diese zu Ikonen wurden. Lukas Schulzes preisgekrönte Aufnahme eines niedergeschlagenen Dirk Nowitzki könnte sich hier einreihen. Ein Hoch auf unsere Kollegen, die bewunderten Fotografen!

Von Wolfgang Uhrig

Dirk Nowitzki. Die Niederlage. Das Olympia-Aus. Das Ende der Karriere für Deutschland. Ein geschlagener Mann, der das Gesicht hinter dem Nationaltrikot verbirgt. Der eiligen Schrittes die Halle verlässt – letzter Ausgang Mercedes-Benz Arena, Berlin: Ein Foto, das die seltene Fähigkeit hat, in einem winzigen Augenblick einen ganzen Leitartikel zu schreiben – in diesem Fall einen Leidartikel.
 
Dieser Schnappschuss von Lukas Schulze, aufgenommen am 10. September 2015 nach der Niederlage unserer Basketballer gegen Spanien, gewann einen 1. Preis im Wettbewerb „Sportfoto des Jahres“ des VDS. Nowitzkis persönliche Tragik gebündelt in einer Momentaufnahme. „Worte sind der Geist eines Magazins“, so Wolfgang Behnken, langjähriger Fotochef beim stern, „Bilder sind seine Seele.“ Diese „Seelenfunktion“ erfüllt Schulzes Motiv.
 
Was Schreiber auch immer schreiben, was sie zuweilen durch schöne Wortgirlanden mit Mühen detailliert zu Papier bringen – nichts auf Papier bringt den Moment mehr zum Leuchten als ein Foto. Jede noch so schöne Sprache ist ohne Chance gegen die Macht des Bildes. „Es sagt mehr aus als 1000 Worte“, wusste schon Paul Julius „P.J.“ Reuter, Gründer der Nachrichtenagentur Reuters.

Unvergessliches Bild in der Galerie besonderer Fotos deutscher Sportfotografen
 
Dirk Nowitzki erinnert an Uwe Seeler bei der Niederlage gegen England im Londoner WM-Finale 1966. Da stapft ein Fußballer erschöpft und schweren Schrittes, mit hängenden Schultern und tief gesenktem Kopf vom Rasen des Wembley-Stadions Richtung Kabine – ein unvergessliches Bild in der Galerie besonderer Fotos deutscher Sportfotografen.

Dokumentiert durch Axel Springer jr., einer der brillantesten Sportfotografen der Nachkriegszeit. Die vielfach preisgekrönten Bilder des Hamburger Verlegersohnes haben die durch ihn in München gegründeten Presseagentur unter dem Pseudonym Sven Simon ihr Gesicht und dem Sport viele Gesichter gegeben. Mit Aufnahmen, die zu Klassikern wurden, festgemacht an Namen und Nachrichten.

Dazu gehört auch Erich Baumann mit seinem Motiv zu Fritz Walter nach dem WM-Sieg der deutschen Fußballer 1954 im Berner Wankdorf-Stadion – „de Fritz“, der Mannschaftskapitän, glückselig lächelnd, mit dem Pokal in der Hand, eingekeilt und getragen auf den Schultern begeisterter Fans. Erich Baumann, ein legendärer Fotoreporter aus Ludwigsburg, hatte damals in der Meute nur die Arme hochgerissen, blind den Auslöser seiner Kamera gedrückt – und damit das „Foto des Jahrzehnts“ geschossen.

Im entscheidenden Moment auf den Auslöser drücken – mehr als Glück

Baumann hatte Glück, das gehört dazu. So wie es 1952 auch einmal der Reporter Rolf Gillhausen hatte, für die Nachrichtenagentur AP. Er drückte im entscheidenden Moment auf den Auslöser, als der Kölner Peter Müller in einem Boxkampf um die deutsche Meisterschaft mit einer Rechten den Ringrichter Max Pipow zu Boden schickt.

In seiner späteren Position als Fotochef des Stern, sozusagen als das Auge der Illustrierten, war Rolf Gillhausen der glückliche  Fall eines Fotojournalisten, der jede Woche die weite Welt und das kleine Leben im Sinne des Wortes ins Bild brachte. Viele haben von ihm gelernt. Einer davon ist unser VDS-Mitglied Rüdiger Schrader, zuletzt über Jahrzehnte Fotochef beim Magazin Focus.

„Ein gutes Foto, ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut“, sagte der Franzose Henri Cartier-Bresson, Mitbegründer der international erfolgreichen Agentur Magnum. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte – oder die 3400 Zeichen dieser Kolumne.

07.04.2016






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