Kolumne „Ansichtssache“
Fußball: Leider häufig Fouls – nicht nur auf dem Spielfeld (Foto: firo Sportphoto/Augenklick)

Ein oft charakterloses Geschäft

Die Fußballbranche ist sehr lukrativ – und extrem hart. Ein Buch zeigt dies eindrucksvoll.

Von Wolfgang Uhrig

Als alles vorbei ist, da meint Lars Mrosko, er müsste jetzt eigentlich ein Buch schreiben. Über seine bewegten Jahre als Spielerberater: „Da würden die Leute staunen.“ Also setzt er sich an den Computer. Nach ein paar Seiten aber ist Schluss – „die Kommasetzung nervte“.

So steht es auf Seite 328 im Buch, das es nun trotzdem gibt: „Mroskos Talente – Das erstaunliche Leben eines Bundesligascouts“, nacherzählt von Ronald Reng (426 Seiten, 20 Euro, Piper-Verlag, München).

Der Autor schildert spannend, pointiert mit feinsinnigem Humor den zurückliegenden Alltag des heute 39 Jahre alten Berliners, der dem Fußball verfallen war. Man liest von abenteuerlichen Szenen aus einer Welt, die so noch nie ausgeleuchtet wurde, von einem oft charakterlosen Geschäft, das unsereins eher verschlossen ist. Und mittendrin Lars Mrosko, der sich vorkommen muss wie eine Marionette (Buch-Abbildung: Piper-Verlag).

Mrosko hatte mit 20 im Jahr 2000 den aktiven Fußball aufgeben müssen. Früh wird er Talentsucher für Bayern München, den FC St. Pauli und VfL Wolfsburg. Wie ein Besessener, ohne Rücksicht auf Privatleben und Gesundheit grast er Stadien ab, analysiert aus bis zu 30 Spielen pro Woche. Gestern Russland, heute Türkei, Tschechien, morgen Spanien, Frankreich.

Er gewinnt durch seine gradlinige Art, die kesse Berliner Schnauze – oder er verliert gegen Intrigen. Peter Hyballa wird zum Freund, Felix Magath ist wie ein väterlicher Partner, Lorenz-Günter Köstner schätzt ihn, Mirko Slomka enttäuscht ihn, Dieter Hoeneß piesackt ihn. Und immer wieder begegnet der Mensch Mrosko unter seiner vermeintlichen Hochglanzfolie Profi-Fußball „Arschgeigen“.

Der nicht nur im Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) häufig prämierte Ronald Reng, Mitglied im Verein Münchner Sportjournalisten (VMS), hatte 2010 durch die Biografie über den Tormann Robert Enke einen Bestseller (Uhrig-Foto: privat).

2014 vermittelte er zum 50. Geburtstag der Fußball-Bundesliga mit Heinz Höher als Kronzeuge in „Spieltage“ Glanz und Elend eines Urgesteins. Und jetzt zeigt er am Fall Lars Mrosko wie die Leidenschaft für Fußball Leiden schafft.

Der neue Reng: brillant – und bedrückend.

Die Kolumne „Ansichtssache“ schreibt Wolfgang Uhrig für den Verein Münchner Sportjournalistenn. Wir danken für die großzügige Überlassung der Texte.

28.03.2016






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