Kolumne „Hardt und herzlich“
Fußballstar Cristiano Ronaldo (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Grauzonen und kleine Ronaldos

Fußballprofis erhalten sehr viel Geld. Das verleitet manchen dazu, bei den Steuerzahlungen kreativ zu sein. Mit dieser Haltung sind die Kicker nicht allein.

Von Andreas Hardt

Psst – nicht weitersagen! Ich verrate jetzt mal ein Geheimnis, aber das muss bitte wirklich unter uns bleiben. Nicht, dass es da noch Ärger gibt. Also, ich habe neulich beim Finanzamt ein opulentes Essen mit meiner Frau als Spesenquittung eingereicht. „Geschäftsessen“. Steuern gespart. Grauzone genutzt. Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Ronaldo? Der Portugiese war in punkto Abgaben an den Staat kreativ gewesen („Football Leaks“).

Ja, gut, die Dimensionen mögen leicht andere sein. Wie auch beim Herrn Özil, der Mitte Dezember noch in London um ein neues Arbeitspapier verhandelte. So, wie wir das ja auch alle tun würden, wenn es die Chance auf eine Gehaltserhöhung gäbe.

Nur dass Medien – Print vor allem – gerade eher nicht so erfolgreich sind, dass noch große Geldsprünge drin scheinen. Anders als im Fußball. Egal: Özil also will laut Times 283.000 Euro verdienen. Wöchentlich.

Und jetzt kommt Oliver Bierhoff ins Spiel. Und Christian Streich. „Im Moment ist zu viel Gier im Markt“, hat der Manager der Nationalmannschaft in einem Interview mit der Funke-Gruppe gesagt. Und Freiburgs Trainer traf einen Nerv, als er bemerkte: „Wenn’s im Fußball immer mehr Geld gibt, gibt’s immer mehr Leute, die mitverdienen wollen und Geld zur Seite schaffen.“ Ja, da haben beide Recht. Und ernten Applaus. Endlich sagt’s mal jemand. Einerseits.

Andererseits aber sind wir doch weit davon entfernt, dass sich irgendjemand abwendet. Auch wir schreiben „Millionarios“ nur, wenn nicht gewonnen wird. Viele Kollegen bejubeln die „frechen Aufsteiger“ aus der Red-Bull-Marketingabteilung Leipzig.

Der vorbestrafte Steuersünder Uli Hoeneß wurde in München gefeiert und Ronaldo wurde wieder zum Weltfußballer gekürt. „Entscheidend ist auf’m Platz“, sagte Alfred „Adi“ Preißler. So sieht’s aus. Und ich mache jetzt meine Steuererklärung.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Januar 2017 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

27.01.2017






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