Linktipp „Trainingswissenschaft TU München“
Ein Fußballer hebt ab (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Wundersamer Fußball

Im Fußball fallen Tore. Das ist grundsätzlich gut. Trainer möchten jedoch, dass es im gegnerischen Kasten rumst. Was tun? Die Technische Universität München hat erforscht, wie der Faktor Zufall minimiert werden kann. Nun müssen die Erkenntnisse nur noch verinnerlicht und gleich nach der Winterpause angewendet werden.

Von Clemens Gerlach

Das Leben ist ein einziges Rätsel. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Sind wir allein im Universum? Wieso fällt die Stulle immer auf die geschmierte Seite? Warum verstehen sich Männer und Frauen nicht? Wieso gibt es hierzulande keine weißen Weihnachten mehr? Wer wird deutscher Fußball-Meister? Sorry, diese Frage ist durchgerutscht und kann runter von der langen Liste. Das Problem ist inzwischen geklärt, auch wenn es derzeit für den einen oder anderen nicht so aussehen mag.
 
Wo wir gerade rein geographisch in München sind, verweilen wir rastlosen Sinnsucher dort ein wenig. An der Technischen Universität der bayerischen Landeshauptstadt (TUM) forscht Professor Dr. Martin Lames ganz intensiv. Der Inhaber des Lehrstuhls für Trainingswissenschaft und Sportinformatik möchte herausfinden, natürlich wissenschaftlich und nicht kosmisch-metaphysisch, wie Tore beim Fußball zustande kommen.
 
Trainercracks, Taktikfüchse und Technikfreaks müssen jetzt ganz tapfer sein. Denn laut Lames fällt fast die Hälfte aller Treffer zufällig. Einfach so, quasi aus dem Nichts, was dieser vermeintlichen Reporterphrase eine (ganz neue) Bedeutung verleiht. Der TUM-Forscher differenziert selbstverständlich, bildet Gruppen, so dass am Ende doch wieder eine Systematik zu erkennen ist. Also kein zufälliger Zufall, sondern ein ordentlich sortierter.
 
Wir können hier nicht in die Tiefe gehen, doch bei den Lames-Studien spielen neben Faktoren wie Abpraller und Aussetzer auch Torchancen-Erspielen und Distanzschüsse eine Rolle. Das ist beruhigend, denn man stelle sich vor, es wäre wirklich alles mehr oder minder unbestimmbarer Erfolg und dem Zufall ließe sich gar nicht auf die Sprünge helfen. Spieler würden Torschusstraining verweigern. „Ist doch eh alles egal.“ Aufwendiges Verschieben und laufintensives Nach-hinten-Absichern wären gefährdet. „Total sinnlos, das Glück entscheidet.“
 
Wie Lames hat sich auch Prof. Dr. Stefan Ankirchner die Fußball-Forschung auf seine Fahnen geschrieben. Der Stochastiker der Friedrich-Schiller-Universität Jena interessiert sich vor allem für die Spieltaktik von Mannschaften, wenn sich die Partie dem Ende zuneigt. Dieses Ergebnis ebenfalls in aller Kürze, denn gleich ist ja auch hier Schluss.
 
„Das bei Profi-Mannschaften beobachtete Spielverhalten stimmt häufig mit dem mathematisch optimalen Verhalten überein“, sagt Wahrscheinlichkeitsexperte Ankirchner, „die Profis agieren intuitiv strategisch richtig.“ Umso rätselhafter, wieso es dann so häufig und immer wieder zu späten Toren kommt. Aber vielleicht ist es auch ganz gut, dass wir nicht alles erklären können.

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24.12.2018






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