Kolumne „Hardt und herzlich“
Jan Lo?hmannsro?ben in Aktion (Foto: Fotoagentur Kunz/Augenklick)

Kult, weil keine Schere im Kopf

Stromlinienförmige Kicker, die glattgebügelt Phrasen von sich geben, sind an der Tagesordnung. Ein Drittligaspieler fiel unlängst aus der Norm – und hat nun Ärger mit dem Verband. Im Netz ist er hingegen Kult.

Von Andreas Hardt

Kaum hatte die Fußball-Saison wieder begonnen mit all ihren spektakulären Spielen und den vielen Stars, da gab es sofort Aufregung. Da sagte ein Spieler tatsächlich ohne Filter seine ehrliche Meinung: Jan Löhmannsröben vom Zweitliga-Absteiger 1. FC Kaiserlautern.
 
Das Video seiner Einlassung zur Schiedsrichterleistung beim Spiel in Zwickau Anfang September wurde zu einem Webhit. „Da platzt mir die Krawatte, der soll Cornflakes zählen gehen“, empfahl Löhmannsröben dem Unparteiischen, der dem FSV in der Nachspielzeit einen unberechtigten Handelfmeter gegeben hatte.
 
Denn der FCK-Mittelfeldspieler hatte in einem Zweikampf den Ellenbogen des Zwickauer Stürmers Ronny König im Gesicht abbekommen, war deshalb gestrauchelt und dann im Fallen mit seiner Hand an den Ball geraten. „Wenn das kein Foulspiel ist! Er soll Kreisliga pfeifen und mal die Augen aufmachen“, riet Löhmannsröben, der zudem kritisierte, dass der Schiedsrichter seinem Team einen Strafstoß verweigert habe.


 
Ach ja! Das war ähnlich herzerfrischend wie Rudi Völlers Weißbierattacke gegen Waldemar Hartmann und wie die „Eistonne“ von Per Mertesacker. Und wird möglicherweise ähnlichen Kultstatus erreichen. Schon sehen wir vor unserem geistigen Auge, wie Matze Knoop die Aussprache des Lauterers übt.
 
Als „Interview des Jahres“ haben Zeitungskollegen den Ausbruch bezeichnet. Warum? Weil wir es einfach nicht mehr gewohnt sind, dass einer spontan und ungefiltert seine Emotionen rauslässt. Doch genau das ist schön, das ist Fußball.

Stattdessen aber treten überwiegend mediengeschulte Profis mit Helfersyndrom vor die Mikrofone: „Meine vier Tore heute sind toll für mich. Aber viel wichtiger war, dass ich der Mannschaft helfen konnte.“ Na klar! Die Trainervariante geht so: „Zum Schiedsrichter sage ich grundsätzlich nichts.“
 
Und warum? Weil zum Beispiel der DFB-Kontrollausschuss sofort gegen Löhmannsröben ermittelt hat und eine Geldstrafe in Höhe von 1200 Euro verhängte. So ticken sie. Immer mehr verstärkt sich der Eindruck, dass beim aufrichtigen Versuch, Fairplay, Respekt und vernünftigen Umgang miteinander durchzusetzen, die Anstandsherren der Verbandsgerichtsbarkeit über das normale Maß hinausschießen. Und schon wird einer ohne Schere im Kopf zum Kult.

Andreas Hardt arbeitet nach über 20 Jahren als Redakteur bei SID und dapd nun als freier Journalist in Hamburg.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Oktober/November 2018 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

17.10.2018






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