Linktipp „Olympia Bob Run St. Moritz“
Eiskanal in St. Moritz (Foto: sampics photographie/Augenklick)

Beneidenswerte Schneeskulptur

Eiskanäle gelten als Symbol ökologischen Frevels. Es gibt bei den international genutzten Bahnen allerdings eine Ausnahme. Die Anlage St. Moritz/Celerina wird allenthalben gelobt.

Von Clemens Gerlach

Es ist ein exklusiver Kreis. Weltweit gibt es lediglich 17 Bahnen, auf denen internationale Großwettbewerbe in den Sportarten Bob, Rennrodeln und Skeleton ausgetragen werden. Die BRS-Aktiven müssen sich immer wieder anhören, wie teuer ihr frostiges Treiben ist. Denn ohne öffentliche Gelder in großem Umfang sind diese Eiskanäle nicht zu betreiben. Die Verteilung der Bahnen über den Globus deutet darauf hin, dass es nicht nur klimatische Gründe sind, weshalb sich deren Vorhandensein auf Europa (elf), Nordamerika (vier) und Ostasien (zwei) beschränkt.
 
Seit einigen Wochen befinden sich die Kufencracks wieder wettkampftechnisch im Einsatz, was die Fans freut, ist doch so die allwinterliche Fernsehunterhaltung gesichert. Es gehört zum festen Ritual, dass in den kälteren Monaten umfangreich berichtet wird, was vermutlich nicht nur klimatische Gründe hat. „Ski und Rodel gut“ ist eine der Konstanten in einer immer komplizierter werdenden Welt.
 
Wohlig wird es vielen, wenn sie nur daran denken, in der eigenen, angenehm temperierten Behausung stundenlang vor dem Bildschirm sitzen zu können, um Sporttreibenden zuzuschauen, wie die Wind und Wetter trotzen. Es hat schon etwas Meditatives, sich dem weißen Dauerflow hinzugeben, auch wenn es aus klimatischen Gründen durchaus vorkommt, dass die Umgebung, in der die Wintersportwettkämpfe stattfinden, wenig winterlich geprägt ist, weil die Temperaturen nicht mitspielen wollen.
 
Die Schlittenvertreter sind besonders froh, in aller Öffentlichkeit ausgestrahlt zu werden, denn ihre Gefolgschaft ist deutlich kleiner als etwa die der Skifahrer. BRS gibt es nicht als Breitensport. Zu wirklicher Popularität, nämlich dauerhafter, haben auch nicht die Auftritte der jamaikanischen Bobsportler bei Olympischen Spielen beitragen können. Die Shows waren Werbung für Hollywood-Ruhm, aber nicht für die Sportart selbst.

„Die ökologischste Bobbahn der Welt“
 
Leider können Bob & Co. auch kaum mit Nachhaltigkeit punkten. Denn nur eine Anlage, die in St. Moritz/Celerina, ist eine Natureisbahn. Die wird jedes Jahr von Grund auf neu errichtet, was eine schöne Geschichte ist, die sich gut verkaufen lässt. Das macht der Betreiber des Olympia Bob Run (OBR) verständlicherweise auch fleißig. „Innert drei Wochen wird die grösste [sic!] Schneeskulptur der Welt gebaut“, heißt es schwärmerisch auf der Website, „dabei wird auf chemische Stoffe gänzlich verzichtet. Somit ist sie auch die ökologischste Bobbahn der Welt.“
 
Das klingt nach natürlichem Sport. Zudem existiert der OBR nur von Mitte Dezember bis Anfang März, die übrige Zeit steht dieser nicht mehr oder minder verwendungslos in der Landschaft herum. Der Bob- und Schlittenverband für Deutschland sucht noch nach seinem Feelgood-Narrativ. Rein quantitativ hat der BSD die größte Auswahl. Nirgendwo gibt es mehr international genutzte Bahnen als hierzulande – es sind gleich vier.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Dezember 2018/Januar 2019 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

14.01.2019






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