Kolumne „Ansichtssache“
Pressetribüne (bei der Fußball-WM 2018) (Foto: sampics Photographie/Augenklick)

Reporter, wie sie im Buche stehen

Frühlingserwachen unter Kollegen. Harald Kaiser, nach 36 Jahren beim Kicker eine Instanz, brachte ein Buch zum Beruf heraus. Das tat auch Pit Gottschalk, früher mal Sportbild-Chef.

Von Wolfgang Uhrig

Gottschalk erinnert sich unter dem Titel „Kabinengeflüster – Meine verrückten Erlebnisse als Fußballreporter“, Kaiser beschreibt „Ronaldo, Matthäus und ich – Mein Leben als kicker-Reporter“. Unterm Strich sind es zwei unterhaltsame Liebeserklärungen an den Sportjournalismus.

Bei Gottschalk ist erst einmal auch zu lesen, wie er seinen Weg herausging aus den Tiefen einer braven Eifeler Lokalzeitung. Aufgestiegen über die Härte des Boulevards bei der Münchner AZ, dem Express in Halle, als Chef von Sportbild hin zum Leiter des Büros von Matthias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden von Axel Springer (Cover-Abbildung: Klartext Verlag Essen).

Dann aber ein Salto rückwärts zu seiner „Leidenschaft, die Leiden schafft“. Und über diese zwei Jahre als Hilfsmotor im Getrieberaum von Deutschlands mächtigsten Medienmanager verliert Gottschalk nun leider kein Wort – darüber ein paar Sätze zu lesen, hätte gewiss nicht geschadet. Auch nicht der an manchen Stellen des Buches leichten Selbstbeweihräucherung.

In Kaisers Buch zwischendurch auch etwas zum Schmunzeln

Davon kann nun bei Harald Kaiser keine Rede sein. Über Lust und Leiden erzählt das Mitglied des Vereins Nordbayerischer Sportjournalisten aus den Jahrzehnten bei „seinem“ Kicker. War er doch nirgendwo sonst, als habe er dort längst eine Inventarnummer.

Kaiser plaudert mit Zinédine Zidane über Legosteine, outet sich als persönlicher Freund von Lothar Matthäus, spricht über sein Problem mit Jürgen Klinsmann, wird vom Trainer Hans Meyer vor die Brust genommen, führt mit Alex Ferguson ein Interview, obwohl er als Reporter kein Wort versteht (Cover-Abbildung: Verlag Die Werkstatt Göttingen). Zwischendurch auch etwas zum Schmunzeln, zum Beispiel, wenn Kaiser als Beifahrer vom „gefürchteten Fahrstil“ neben dem Chefredakteur berichtet.       

Etwas weniger Schalk bei Gottschalk, der dem Verein Hamburger Sportjournalisten angehört. Dafür Abenteuerliches zum Treffen mit Recep Erdogan, einem Bestechungsversuch von Rudi Assauer, der Besuch beim englischen Posträuber Ronald Biggs in Rio de Janeiro. Skurril sein Elfmeterduell mit Andy Möller, interessant die Hintergründe einer Freundschaft mit Ottmar Hitzfeld. Fußball – und noch ein bisschen mehr.

Zum Ende des Buches gibt Gottschalk den Ausbilder von Nachwuchsreportern, er zeigt Berufswege in das digitale Zeitalter auf. 20 Seiten Predigt mit erhobenem Zeigefinger, nach dem lockeren Rückblick der strenge Ausblick: „Ein Notizblock allein reicht längst nicht mehr!“ Gottschalk und Kaiser – zwei Reporter, wie sie im Buche stehen.

– P. Gottschalk: „Kabinengeflüster“, 144 S., Klartext Verlag 2019 (14,95 Euro)
– H. Kaiser: „Ronaldo, Matthäus und ich“, 156 S., Verlag Die Werkstatt 2019 (19,90 Euro)


Die Kolumne „Ansichtssache“ schreibt Wolfgang Uhrig für den Verein Münchner Sportjournalisten. Wir danken dem Autoren und den VMS-Kollegen für die großzügige Überlassung des Textes.

03.06.2019






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