Kolumne „Hardt und herzlich“
Ehemaliger ARD-Moderator Gerhard Delling 2003 im Sportschau-Studio (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Nostalgie mit Frotzelei und Fachwissen

Wieder ist eines der alten Schlachtrosse vom TV-Bildschirm verschwunden. ARD-Mann Gerhard Delling sagte unlängst tschüs. Was bleibt? sportjournalist-Kolumnist Andreas Hardt ermahnt es an die eigene Vergänglichkeit.

Wir werden uns daran gewöhnen – müssen. Tschüs also, Gerhard Delling! Beim Pokalfinale am 25. Mai in Berlin hatte er seinen letzten Auftritt in der ARD. Zwei Wochen zuvor moderierte er zum letzten Mal die Sportschau, und eine weitere Woche davor war im NDR Sportclub Schluss mit Delling. Wieder geht ein prägendes TV-Sport-Gesicht in den Ruhestand. Mit 60 Jahren.
 
Wahrscheinlich ist es ja nur das Erkennen der eigenen Vergänglichkeit, dass das Verschwinden alter – soll man sagen? – Bekannter aus dem Fernsehen so bedauerlich macht. Möglicherweise hat eben alles seine Zeit. Wäre ein Ernst Huberty heute noch denkbar in der Sportschau? Oder ein Harry Valérien im Sportstudio, dessen sportliche Expertise weit über den Fußball hinausging?
 
Sicherlich hatte der geschätzte Kollege Delling seine beste, nein: erfolgreichste Zeit, als er mit Günter Netzer das eingespielte Experten-Duo gab. Diese Mischung aus Frotzelei und Fachwissen war neu in Deutschland, aber auch das hatte sich nach zwölf Jahren im Jahr 2010 irgendwie verbraucht. Obwohl: Die Nachfolger auf allen Sendern versuchen sich mit einem ähnlichen Konzept – Moderator und Experte. Und an wen erinnern wir uns in zehn Jahren noch?
 
Ach Quatsch, das ist ungerecht. Es hat alles und jeder seine Zeit. Und wenn in zehn Jahren möglicherweise die Sportschau gar nicht mehr existiert, weil die Spiele der European Super League exklusiv bei einem Streamingdienst laufen, wenn hektisches Clickbaiting wichtiger wird als seriöse Information, wer erinnert sich dann noch an ein Fossil wie Gerhard Delling, der 380 Mal diese Sendung moderierte? So oft wie kein anderer.
 
Okay – wir Älteren vielleicht. Und dann müssen wir aufpassen, dass wir nicht sagen, damals war alles besser. Es hat uns vielleicht nur besser gefallen. So wie vielleicht auch – aber das ist nur eine Vermutung – Gerhard Delling.

Andreas Hardt arbeitet nach über 20 Jahren als Redakteur bei SID und dapd nun als freier Journalist in Hamburg.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Juni/Juli 2019 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

02.07.2019






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