Linktipp „Bundeszentrale für politische Bildung“
Website der Bundeszentrale für politische Bildung (Screenshot: bpb)

Rückgrat und nicht Rückzug

Der Journalismus hat viele Gegner. Da ist es reichlich dumm, wenn ausgerechnet führende Vertreter öffentlich-rechtlicher Sender die eigenen Mitarbeiter*innen im Regen stehen lassen, nur weil es etwas ungemütlich werden könnte.

Von Clemens Gerlach

Eigentlich sollte es in diesem Linktipp um etwas Erfreuliches gehen. Geplant war eine Analyse der Studie zur „Glaubwürdigkeit der Medien 2019“. Diese ergab, dass die Bürger*innen hierzulande die Qualität weiterhin als „sehr
hoch“ einschätzen. Glückwunsch! Leider war die Feierlaune blitzschnell perdu. Und gerade der oberste Mensch des Senders, der die Studie in Auftrag gegeben hatte, trägt dafür entscheidend Verantwortung, dass der Katzenjammer jetzt so groß ist.

Nun gut, auch der Intendant des WDR darf einmal danebenliegen. Doch wer in einer so fundamentalen Sache wie dem Schutz der eigenen Mitarbeiter*innen dermaßen wenig Rückgrat beweist und öffentlich wegen einer echten Lappalie („Umweltsau“-Oma) einen Kotau macht, dass es bis tief nach China hinein kracht, der muss sich nicht wundern, wenn er kaum noch als Kämpfer für die Meinungsfreiheit wahrgenommen wird.

Beim Bayerischen Rundfunk machte der Chef von det Janze einen ähnlich unsouveränen Eindruck. Einem langjährigen festen Freien ließ er zu wenig Unterstützung zukommen. Anscheinend fehlte es da an Einfühlungsvermögen für den
Mann, der nebst seiner Familie seit langem von Rechtsextremen drangsaliert wird. Vielleicht hatten auch die Referent*innen frei oder wer auch immer den BR-Boss berät.

Die deutsch-polnische Autorin Margarete Stokowski schrieb zum Wegducken der Führungskräfte eine Kolumne bei Spiegel Online. „Was Betroffene brauchen, sind Menschen, die sich an ihre Seite stellen“, lautete einer ihrer sehr einfachen und gerade deshalb so klugen Sätze.

Also, sehr geehrte Medienkonzernlenker*innen, Intendant*innen, Chefredakteur*innen, Programmdirektor*innen, Abteilungsleiter*innen oder welchen Titel Sie Hierarchiehohen auch tragen mögen, leisten Sie bitte das, was angesichts Ihrer Posten eigentlich selbstverständlich sein sollte: sich gerade machen und nicht gleich zu Kreuze kriechen, nur weil mal ein paar aufgedrehte Gören die Angehörigen der älteren Generation verbal attackieren oder es Ärger mit den intoleranten Idioten aus dem Netz geben könnte.

Sie Spitzenleute können Ihren Mut gerne auch aus rein egoistischen Motiven zeigen. Oder glauben Sie, dass Ihnen vorauseilender Gehorsam hilft, vor denjenigen Gnade zu finden, die „Staatsfunk“ und „Systempresse“ liquidieren wollen? Überlegen Sie es sich, aber bitte zügig, sonst ist es nämlich zu spät.

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22.04.2020






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