Kolumne „Hardt und herzlich“
Tweet von RB Leipzig nach dem 2:1-Siegtreffer im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Union Berlin (Screenshot: RB)

Kurven-Slang statt Hochdeutsch

Der Mikroblogging-Dienst Twitter ist eine der meistgenutzten Kommunikationsplattformen im Profisport. Die Qualität der Tweets ist sehr unterschiedlich. Das hat zumindest sportjournalist-Kolumnist Andreas Hardt festgestellt.

„Das tut verdammt weh gerade“, konnten wir am Abend des 20. April lesen. Wenn wir dem Twitter-Account des 1. FC Union Berlin folgten. „JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA“, twitterte gleichzeitig RB Leipzig in Richtung seiner Fans. Wo doch viele neutrale Fußball-Anhänger angesichts des Tores von Emil Forsberg in der Nachspielzeit des DFB-Pokalhalbfinals eher gedacht haben mögen: „Oh, nein!“

Aber Twitter ist natürlich nicht neutral. „Ein Team. Weiter geht’s. ZUSAMMEN! Die Kugel will einfach nicht rein. MAAAN.“ So echauffierte sich jüngst der Twitter-Mann (oder die Twitter-Frau) von Werder Bremen. Emotionalität schaffen, wir und ihr, Fans und Verein. Eine Einheit. Und um diesen Eindruck zu erwecken, muss wohl auch eine Sprache benutzt werden, die irgendwie gesprochen wirkt. Kurven-Slang statt Hochdeutsch (Hardt-Foto: privat).

Wobei es erstaunlich ist, wie oft dabei von „Jungs“ und „Männern“ zu lesen ist, wenn es gilt, das eigene Team anzufeuern. Abgesehen davon, dass die Profis die Aufmunterung „Auf jetzt, Männer!“ ohnehin nicht lesen können. Sie spielen ja gerade. Aber Männer? Ernsthaft? Klingt das nicht zu sehr nach den Fünfzigern?

„Die Vereine betreiben im Social-Web Identitätsmanagement und intensive Beziehungspflege zu ihren Fans, zudem erreichen sie dort zum Teil auch viele Millionen Interessierte“, schrieb der Sport- und Medienwissenschaftler und heutige Bürgermeister von Crailsheim, Christoph G. Grimmer, in seiner Arbeit „Der Einsatz sozialer Medien im Sport“. Der Mikroblogging-Dienst Twitter ist eine der meistgenutzten Kommunikationsplattformen im Profisport.

Bei Twitter schmaler Grat und vielfältige Möglichkeiten

Der FC St. Pauli beispielsweise hat bislang insgesamt gut 54.000 Tweets abgesetzt, der FC Bayern knapp 79.000, und selbst die TSG Hoffenheim kommt auf rund 37.000. Das alles wird gelesen, von Abermillionen Fußballfans. Nur ist der Grat so schmal, sind die Möglichkeiten des Mediums so vielfältig.

Twitter transportiert eben nicht nur Emotion, sondern dient den Klubs auch als seriöse Nachrichtenquelle. Spielerverpflichtungen, Verletzungen, Lizenzerteilungen kann man hier oft schneller als anderswo finden. Man könne nie zu wenig machen, heißt es aus der Medienabteilung eines großen Klubs (Foto: FC St. Pauli).

Dabei die richtige Tonalität zu finden ist die große Kunst. Als ebenfalls über Twitter-Kanäle von Fans bereits Meldungen von gewalttätigen Übergriffen der Rostocker Polizei gegen St.-Pauli-Fans die Runde machten, reagierte der offizielle Vereins-Account zunächst gar nicht und schrieb schließlich von „besorgniserregenden“ Vorkommnissen. Ein Shitstorm war die Folge. „Verharmlosung“ war noch der geringste Vorwurf.

Aber natürlich muss sich der Klub genau informieren, was, wie, von wem getan oder nicht getan wurde, bevor er sich äußert. Sich nicht locken zu lassen, wo man sonst doch auf einer Ebene mit Fans wie Fans kommuniziert, ist so schwierig wie anspruchsvoll. Das offizielle Statement drei Tage danach ließ dann an Klarheit keine Fragen offen. In diesem Sinne: „FÜR EUCH. FÜR UNS. HAUT REIN. DA GEHT NOCH MEHR!“

Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet als freier Journalist von Hamburg aus. Er schreibt die Kolumne „Hardt und herzlich“ für den monatlichen Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Hier gelangen Sie zu Hardts Xing-Profil.

31.05.2022






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